Wer Menschen in psychischen Krisen, persönlichen Veränderungsprozessen oder belastenden Lebenssituationen begleitet, begegnet früher oder später Beziehungsmustern, die sich nicht allein aus der aktuellen Situation erklären lassen. Menschen reagieren aufeinander, übernehmen Rollen, erwarten bestimmte Reaktionen und versuchen, Beziehungen aufrechtzuerhalten. Manchmal auch dann, wenn sie darunter leiden. Für Therapeut*innen in Psychotherapie kann es deshalb hilfreich sein, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie Bindungserfahrungen und Beziehungsmuster das Erleben und Verhalten von Menschen prägen.
Dabei geht es nicht darum, jede Schwierigkeit auf eine vermeintliche „Bindungsstörung“ zurückzuführen oder zu pathologisieren. Vielmehr eröffnet Bindungswissen eine zusätzliche Perspektive: Was geschieht zwischen Menschen? Welche Beziehungserfahrungen werden wiederholt? Und welche Funktion hat ein Verhalten innerhalb eines Beziehungssystems? In diesem Beitrag geht es um ein wichtiges Verständnis der Wirkung von Beziehungen aus dem „Dort-und-Damals“ ins „Hier-und-Jetzt“ und wie dieses Wissen Deinen Blick auf Menschen und ihre Beziehungen erweitern kann. Zunächst sollen auch Grundbegriffe zum besseren Verständnis erläutert und erklärt werden.
Bindung als menschliches Grundbedürfnis
Menschen sind bereits vorgeburtlich auf Beziehungen angewiesen. Von Anfang an sind wir darauf ausgerichtet, Nähe zu anderen Menschen herzustellen und in belastenden Situationen Schutz und Unterstützung zu suchen. Frühe Beziehungserfahrungen beeinflussen dabei, welche Erwartungen wir später an andere Menschen entwickeln. Wer beispielsweise wiederholt erlebt hat, dass eine wichtige Bezugsperson verlässlich und zugewandt reagiert, kann eher die Erfahrung entwickeln: Ich darf mich auf andere verlassen. Ich bin wichtig. Auch wenn es schwierig wird, bleibt Beziehung möglich. Andere Menschen machen möglicherweise früh die Erfahrung, dass Nähe unzuverlässig, überfordernd oder sogar bedrohlich sein kann. Solche Erfahrungen werden nicht einfach als bewusste Erinnerungen gespeichert. Sie können sich vielmehr als implizites Bindungswissen organisieren: als Erwartungen, Körperreaktionen, emotionale Muster und automatische Strategien im Umgang mit Nähe und Distanz in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Dieses „Wissen“ ist zunächst für sich genommen erst einmal nichts Ungewöhnliches. Es stellt einen Versuch dar, sich in Beziehungen zurechtzufinden. Ein Mensch, der gelernt hat, Konflikte möglichst schnell zu vermeiden, hat damit möglicherweise einmal eine sehr sinnvolle Strategie entwickelt. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie in späteren Lebenssituationen immer wieder eingesetzt wird, obwohl sie dort nicht mehr hilfreich und einer Situation angemessen ist. Für die psychotherapeutische Arbeit bedeutet das: Verhalten sollte nicht vorschnell bewertet, sondern darf zunächst verstanden werden.
Was bedeutet Verstrickung?
Von Verstrickung kann man sprechen, wenn Beziehungen so eng, unklar oder emotional aufgeladen sind, dass die Beteiligten Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Bedürfnisse, Gefühle und Verantwortungsbereiche voneinander zu unterscheiden. Ein typisches Beispiel ist eine erwachsene Tochter, die sich in hohem Maße für das emotionale Wohlbefinden ihrer Mutter verantwortlich fühlt. Wenn die Mutter traurig ist, bekommt die Tochter ein schlechtes Gewissen. Wenn sie Grenzen setzt, erlebt sie sich als egoistisch. Vielleicht hat sie schon früh gelernt, die Stimmung der Mutter wahrzunehmen und sich entsprechend anzupassen. Die Frage lautet dann nicht nur: „Warum kann diese Frau keine Grenzen setzen?“ Interessanter ist: Was bedeutet eine Grenze in diesem Beziehungssystem? Vielleicht wird sie innerlich mit Liebesentzug, Schuld oder dem Verlust von Zugehörigkeit verbunden.
Verstrickungen entstehen häufig dort, wo Rollen und Verantwortlichkeiten innerhalb einer Beziehung oder Familie nicht klar voneinander getrennt oder unausgesprochen sind (Schweigen in Familien). Kinder können beispielsweise emotional die Rolle eines Partners, Vermittlers oder Unterstützers übernehmen. Sie lernen dann, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Stabilität des Systems zurückzustellen. Auch im Erwachsenenalter können solche Muster fortbestehen. Ein Mensch übernimmt beispielsweise immer wieder die Verantwortung für andere, fühlt sich schuldig, wenn er „Nein“ sagt, oder gerät in Beziehungen, in denen er sich besonders gebraucht fühlen muss. Verstrickung bedeutet dabei nicht zwangsläufig eine schlechte oder schädliche Beziehung. Entscheidend ist vielmehr die fehlende Freiheit: Kann ich Nähe zulassen, ohne mich selbst zu verlieren? Kann ich mich abgrenzen, ohne die Beziehung innerlich aufgeben zu müssen?
Bindungswissen als Hilfe, Verhalten anders zu verstehen
Für Heilpraktiker*innen für Psychotherapie kann dieses Verständnis einen wichtigen Perspektivwechsel ermöglichen. Ein Verhalten, das auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint, kann innerhalb der individuellen Beziehungsgeschichte durchaus sinnvoll sein. Warum bleibt jemand bei einem Partner, obwohl die Beziehung offensichtlich belastend ist? Weshalb sucht ein Mensch immer wieder Nähe und zieht sich dann zurück, sobald es emotional verbindlich wird? Warum reagiert jemand auf Kritik ungewöhnlich stark oder braucht ständig die Bestätigung anderer? Eine rein symptomorientierte Betrachtung könnte versuchen, diese Verhaltensweisen möglichst schnell einer Kategorie zuzuordnen. Bindungswissen fragt zunächst nach dem dahinterliegenden Beziehungsgeschehen.
Dabei können unterschiedliche Strategien sichtbar werden: Manche Menschen versuchen, durch starke Anpassung und Bedürfnisorientierung des Gegenübers Beziehungssicherheit herzustellen. Andere reduzieren ihre eigenen Bedürfnisse und vermeiden emotionale Abhängigkeit. Wieder andere schwanken zwischen starkem Nähebedürfnis und Rückzug.
Wichtig ist, solche Muster nicht als starre Persönlichkeitseigenschaften zu verstehen. Menschen verfügen über unterschiedliche Beziehungserfahrungen und können in verschiedenen Beziehungen unterschiedlich reagieren. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang kann sein: Wann tritt dieses Verhalten auf? Gegenüber wem? Was befürchtet die Person, wenn sie anders handeln würde? Und was gewinnt sie möglicherweise durch ihr bisheriges Verhalten?
Verstrickung erkennen, ohne Schuldige zu suchen
Systemisches Denken und Bindungswissen ergänzen sich an dieser Stelle. Wenn ein Mensch in eine belastende Beziehung verstrickt ist, muss nicht automatisch ein „Täter“ oder eine „toxische Person“ gefunden werden. Beziehungsmuster entstehen häufig aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Erfahrungen, Erwartungen und Reaktionen zwischen Menschen.
Ein zentraler Schritt besteht häufig darin, zwischen Verantwortung und Verbundenheit zu unterscheiden. Ich kann einen anderen Menschen lieben, ohne für dessen Gefühle verantwortlich zu sein. Ich kann mich abgrenzen, ohne die Beziehung grundsätzlich abzuwerten. Und ich kann die Perspektive eines anderen Menschen verstehen, ohne sie übernehmen zu müssen. Gerade diese Differenzierung kann Menschen helfen, aus Verstrickungen herauszufinden und aus persönlichen „Schwarz-Weiß-Mustern“ auszusteigen (auch wenn ich in diesem Punkt anderer Meinung bin, bist du für mich ein wertvoller Mensch).
Dabei sollte auch die therapeutische Beziehung selbst im Blick bleiben. Klient*innen bringen ihre bisherigen Beziehungserfahrungen mit in den Beratungsraum. Sie können beispielsweise besonders schnell Zustimmung suchen, Angst vor Kritik haben, die Therapeutin idealisieren oder sich zurückziehen, sobald Nähe entsteht. Auch wir Therapeut*innen sind nicht frei von Beziehungsmustern. Deshalb gehört zur professionellen Arbeit die Fähigkeit, die eigene Reaktion wahrzunehmen und zwischen persönlicher Resonanz und dem Beziehungsgeschehen der Klient*innen zu unterscheiden.
Wie können wir uns aus Verstrickung lösen?
Psychotherapeutische Veränderung bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, alte Bindungsmuster „wegzumachen“. Häufig geht es vielmehr darum, sie bewusst wahrzunehmen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Menschen können lernen: Ich kann Unterstützung annehmen, ohne abhängig zu werden. Oder: Konflikt bedeutet nicht automatisch Verlust. Solche Erfahrungen können langfristig wichtiger sein als jede intellektuelle Einsicht. Für Heilpraktiker*innen für Psychotherapie bedeutet Bindungswissen damit vor allem eine Haltung: Verhalten hat eine Geschichte, Beziehungen haben einen Kontext und scheinbar widersprüchliche Reaktionen hatten oder haben häufig eine sinnvolle Funktion erfüllt.
Die therapeutische Aufgabe besteht nicht darin, Menschen möglichst schnell von ihren bisherigen Beziehungsmustern zu befreien. Sie besteht vielmehr darin, gemeinsam zu verstehen, wie diese Muster entstanden sind, wozu sie bisher gedient haben und unter welchen Bedingungen sie heute vielleicht nicht mehr gebraucht werden. Veränderung kann dann dort beginnen, wo alte Muster nicht mehr als persönliches Versagen verstanden werden, sondern als erlernte Antworten, die durch neue Erfahrungen ergänzt und erweitert werden können.





