Nebenwirkungen in der Psychotherapie – Warum Hilfe nicht immer nur angenehm ist

Nebenwirkungen von Psychotherapie: Welche gibt es, woran erkennen?

Inhalt

Psychotherapie gilt als wirksame Unterstützung bei psychischen Belastungen, Krisen und Erkrankungen. Und sie genießt in vielen Bereichen der Bevölkerung eine hohe Anerkennung. Für viele Menschen ist sie ein wichtiger Schritt hin zu mehr Lebensqualität, Selbstverständnis und innerer Freiheit. Die Forschung zeigt eindeutig, dass Psychotherapie in den meisten Fällen hilft. Doch so wie Medikamente Nebenwirkungen haben können, kann auch Psychotherapie unerwünschte Wirkungen mit sich bringen. Das mag zunächst irritieren. Schließlich sucht kaum jemand therapeutische Hilfe mit der Erwartung, dass es ihm zwischenzeitlich schlechter gehen könnte. Umso wichtiger ist es, offen über dieses Thema zu sprechen. Denn wer weiß, dass schwierige Phasen Teil eines Veränderungsprozesses sein können, erlebt sie häufig weniger verunsichernd. Gleichzeitig hilft ein realistischer Blick dabei, problematische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und anzusprechen.

Negative Gefühle durch Psychotherapie?

Viele Menschen beginnen eine Psychotherapie mit der Hoffnung, dass die Belastung möglichst schnell nachlässt. Und tatsächlich erleben viele Klient*innen (eigentlich müssten wir hier Patient*innen sagen, Erstgenanntes erscheint mir passender, da weniger hierarchisch) schon nach wenigen Sitzungen eine deutliche Erleichterung. Andere hingegen berichten zunächst von mehr Unsicherheit, stärkerer Traurigkeit oder einer erhöhten emotionalen Anspannung.

Psychotherapie bedeutet häufig, sich Themen zuzuwenden, die lange vermieden wurden. Schmerzliche Erinnerungen, ungelöste Konflikte oder belastende Gefühle werden nicht mehr weggeschoben, sondern bewusst betrachtet. Was jahrelang unter Verschluss war, wird plötzlich spürbar. Diesen Aspekt nennen wir auch Problemaktualisierung: Das entsprechende Problem wird tatsächlich gefühlsmäßig erlebbar gemacht und nicht nur rational angesprochen. Das kann anstrengend sein.

Ein wenig vergleichbar ist es mit einer körperlichen Verletzung: Solange die Wunde nicht gereinigt wird, bleibt sie zwar verdeckt, heilt aber oft nicht richtig. Die Reinigung kann zunächst schmerzen. Sie schafft jedoch die Voraussetzung für Heilung. Ähnlich kann es in einer Psychotherapie sein: Der Blick auf das Belastende ist manchmal unangenehm, eröffnet aber neue Möglichkeiten der Verarbeitung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Fühle ich mich nach jeder Sitzung besser?“, sondern vielmehr: „Hilft mir dieser Prozess langfristig dabei, mein Leben freier und selbstbestimmter zu gestalten?“

Welche Nebenwirkungen in der Therapie tatsächlich auftreten können

Nicht jede schwierige Erfahrung während einer Therapie ist automatisch eine Nebenwirkung. Dennoch beschreibt die Forschung verschiedene unerwünschte Effekte, die auftreten können. Manche Menschen fühlen sich nach einzelnen Sitzungen emotional erschöpft oder besonders verletzlich. Andere erleben vorübergehend eine Verstärkung ihrer Symptome. Schlafstörungen können zunehmen, Ängste kurzfristig intensiver werden oder alte Erinnerungen häufiger auftauchen. Auch Veränderungen im sozialen Umfeld können belastend sein. Wer lernt, eigene Bedürfnisse klarer wahrzunehmen und Grenzen zu setzen, verändert oft bestehende Beziehungen. Manche Freundschaften oder Partnerschaften geraten dadurch zunächst unter Druck. Nicht weil die Therapie schadet, sondern weil sich eingefahrene Muster verändern und damit häufig auch Beziehungen „neu ausgehandelt“ werden. Nicht selten können in Beziehungen Sätze auftreten wie „Seitdem du diese Therapie machst, erkenne ich dich gar nicht wieder“.

Nebenwirkung oder normale Belastung?

Gelegentlich entstehen auch unrealistische Erwartungen. Manche Menschen hoffen, dass die Therapeutin oder der Therapeut schnelle Lösungen liefert oder schwierige Entscheidungen abnimmt. Wenn deutlich wird, dass Veränderung vor allem eigene Mitarbeit erfordert, kann zunächst Enttäuschung, Ungeduld und auch Frust entstehen. Nicht jede Belastung ist automatisch ein Warnsignal in der Psychotherapie. Wenn Menschen sich nach einer intensiven Sitzung traurig, nachdenklich oder erschöpft sind, kann das durchaus Ausdruck eines wichtigen therapeutischen Prozesses sein. Nicht selten kann es für Klient*innen wichtig sein, auch „Schwere und Lösungslosigkeit“ auszuhalten (das Gleiche gilt übrigens auch für Therapeuten und Therapeutinnen). Entscheidend ist, ob diese Belastung verständlich eingeordnet werden kann und ob sie sich im weiteren Verlauf wieder reguliert.

Anders sieht es aus, wenn sich solche Zustände längerfristig einstellen:

  • Klient*innen sich dauerhaft schlechter fühlen,
  • Ihnen zunehmend der Mut verloren geht,
  • Bei ihnen das Gefühl entsteht, in der Therapie nicht ernst genommen zu werden,
  • Oder sie Angst vor den Therapiesitzungen entwickeln.

Eine gute Psychotherapie lebt von Offenheit, auch gegenüber Kritik. In unseren Ausbildungsseminaren sage ich immer, dass ich mir Rückmeldung geben lasse, falls ich unsicher bin. „Haben Sie das Gefühl, dass Sie durch unsere Treffen gut für sich weiterkommen?“, ist zum Beispiel eine solche Frage, die ich stelle. Eine tragfähige therapeutische Beziehung zeichnet sich dadurch aus, dass auch Zweifel, Enttäuschungen oder Missverständnisse besprochen werden können. Nicht selten werden genau solche Gespräche zu einem wichtigen Wendepunkt der Therapie. Ist es doch auch und gerade der Umstand, dass Menschen negative Gefühle äußern können, ohne dass es (wie vielleicht in der Vergangenheit) zu negativen Reaktionen oder gar einem Beziehungsabbruch kommt.

Warum Offenheit auf beiden Seiten so wichtig ist

In der Medizin gehört die Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen selbstverständlich dazu. In der Psychotherapie entwickelt sich dieses Bewusstsein zunehmend ebenfalls. Als Heilpraktiker*innen Psychotherapie sind wir verpflichtet, die von uns begleiteten Menschen auch darüber aufzuklären, dass es solche „Nebenwirkungen“ geben kann. Wir können nicht versprechen, dass jede Sitzung angenehm sein wird. Wir können jedoch erklären, welche Reaktionen normal sind, welche Veränderungen zu erwarten sind und woran problematische Entwicklungen erkannt werden können. „Manchmal kann es zu einem Gefühl der Erstverschlimmerung kommen“, kann ein einleitender Satz dazu sein. Psychotherapie ist kein passives Behandlungsverfahren. Sie ist ein gemeinsamer Prozess, bei dem beide Seiten Verantwortung übernehmen. Die Klient*innen für ihr (Er-)Leben, der Therapeut für die verantwortungsvolle Gestaltung des Prozesses. Genau dies habe ich auch in meinem Behandlungsvertrag in meiner Psychotherapiepraxis dokumentiert. Je offener dieser Austausch gelingt, desto größer ist die Chance, dass schwierige Phasen konstruktiv genutzt werden können.

Wie finde ich überhaupt die richtige Therapeutin?

Vielleicht klingt der Begriff „Nebenwirkungen der Psychotherapie“ zunächst abschreckend. Tatsächlich kann jedoch genau dieses Wissen Vertrauen schaffen. Menschliche Entwicklung verläuft selten geradlinig und kennt auch Rückschritte, Zweifel und Phasen der Unsicherheit. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas schiefläuft. Häufig sind genau diese Momente Teil eines tiefgreifenden Lernprozesses: Sich selbst besser verstehen (können) und auch solche Phasen zu akzeptieren. Gleichzeitig ist es wichtig, Schwierigkeiten nicht zu romantisieren. Nicht jede Therapie passt zu jedem Menschen, genau dass möchte ich mit meiner oben genannten Frage an Klient*innen auch zum Ausdruck bringen.

Du möchtest selbst eine Therapie beginnen und fragst Dich, ob der Therapeut/die Therapeutin für Dich richtig ist? Vielleicht lohnt es sich, Dir selbst einige Fragen zu stellen:

  • Fühle ich mich in meiner Therapie grundsätzlich verstanden und respektiert?
  • Kann ich auch Kritik oder Unsicherheiten offen ansprechen?
  • Erlebe ich trotz schwieriger Phasen langfristig positive Veränderungen?
  • Unterstützt mich die Therapie dabei, mein Leben zunehmend selbstbestimmt zu gestalten?

Eine Psychotherapie zu beginnen, erfordert viel Mut und ist oft bereits ein „heiliger Moment“. Und sie ist in der Regel bereits Teil eines begonnen bzw. eingeschlagenen „Lösungsprozesses“ von Menschen, den es zu würdigen gilt. Ein realistischer Blick auf mögliche Nebenwirkungen schmälert ihren Wert nicht. Vielleicht ist der Begriff „mögliche Begleiterscheinungen“ dazu auch ein besserer. Er trägt dazu bei, dass Menschen informierte Entscheidungen treffen, schwierige Phasen besser einordnen können und den therapeutischen Prozess aktiv mitgestalten. Und dass sie auch in diesen Phasen (wenn sie denn auftreten) etwas ganz Wichtiges nicht verlieren: Die Hoffnung auf Besserung.

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