Mach du mich bitte heil – unerfüllbare Erwartungen an den (perfekten) Partner

Welche Erwartungen haben wir an Partner in Beziehungen?

Inhalt

Vor einiger Zeit saß ein Paar in meiner Praxis, welches schon über 40 Jahre verheiratet war. Eigentlich ging es um einen Streit, der sich immer wieder wiederholte und zwar schon ziemlich lang. Sie war enttäuscht, weil er sich ihrer Meinung nach zu wenig kümmerte. Er verstand die Welt nicht mehr, schließlich tat er doch alles, was sie sich wünschte. Er schrieb ihr tagsüber Nachrichten, sagte Treffen mit Freunden ab, plante gemeinsame Wochenenden und versuchte, ihr möglichst viel Sicherheit zu geben. Trotzdem hatte sie immer wieder das Gefühl, nicht wichtig genug zu sein. Irgendwann sagte er einen Satz, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: „Ich weiß langsam nicht mehr, was ich noch machen soll.“

Ich glaube, viele Menschen kennen dieses Gefühl – auf der einen oder auf der anderen Seite. Die einen erleben, dass sie trotz aller Bemühungen nie wirklich ausreichen. Die anderen spüren eine Sehnsucht, die sich einfach nicht stillen lässt. An diesem Punkt kann es sich lohnen, einen Moment innezuhalten. Denn häufig geht es gar nicht mehr um die Beziehung selbst. Es geht um etwas, das schon viel früher begonnen hat.

Wenn die Vergangenheit in der Gegenwart mit am Tisch sitzt

Niemand beginnt eine Partnerschaft als „unbeschriebenes Blatt“. Jede*r bringt eine eigene Geschichte mit. Erinnerungen, Erfahrungen und Überzeugungen reisen unauffällig mit und nehmen oft mehr Platz ein, als uns bewusst ist. Wer als Kind das Gefühl hatte, nur dann Aufmerksamkeit zu bekommen, wenn er besonders lieb oder besonders erfolgreich war, wird (überhöhte) Anerkennung häufig auch als Erwachsener suchen. Wer erlebt hat, dass wichtige Bezugspersonen unberechenbar waren, reagiert oft sensibel auf Distanz. Und wer früh gelernt hat, dass die eigenen Bedürfnisse wenig zählen, hat manchmal große Mühe, sie überhaupt wahrzunehmen. Das alles verschwindet nicht mit dem ersten Kuss oder dem Einzug in eine gemeinsame Wohnung. Im Gegenteil. Gerade enge Beziehungen bringen vieles an die Oberfläche, was im Alltag lange verborgen bleiben kann, auch wenn am Beginn „der Himmel voller Geigen“ hängt.

Plötzlich reicht eine Kleinigkeit, um alte Gefühle zu wecken. Der Partner kommt später nach Hause als angekündigt. Eine Nachricht bleibt unbeantwortet. Ein Blick wird anders interpretiert, als er gemeint war. Was objektiv betrachtet vielleicht wenig Bedeutung, kann innerlich ganz ungute Gefühle wecken. Nicht, weil der andere etwas Schlimmes getan hätte, sondern weil die Situation an etwas erinnert, das längst vergangen ist.

Erwartungen an den Partner: Endlich ankommen

Wohl kaum etwas berührt uns so sehr wie das Gefühl, von einem anderen Menschen wirklich angenommen zu werden. Besonders in den ersten Monaten einer Beziehung scheint vieles plötzlich leicht zu sein. Da ist jemand, der aufmerksam zuhört, unsere Nähe sucht und sich aufrichtig freut, wenn wir zusammen sind. Solche Erfahrungen können unglaublich wohltuend sein. Mit ihnen wächst oft eine leise Hoffnung. Vielleicht hört das ständige Zweifeln jetzt auf. Vielleicht muss ich mich nicht mehr so sehr bemühen, um geliebt zu werden. Vielleicht reicht es von nun an einfach, ich selbst zu sein. Diese Sehnsucht ist zutiefst menschlich. Wer wünscht sich nicht Geborgenheit und das Gefühl, einem anderen Menschen wirklich wichtig zu sein?

Problematisch wird es erst, wenn aus dieser Sehnsucht eine Erwartung entsteht. Dann soll der Partner plötzlich den Selbstwert schenken, der nie wachsen durfte. Alte Ängste sollen verschwinden, innere Unsicherheit endlich zur Ruhe kommen und die Lücken schließen, die das Leben hinterlassen hat. Ich behaupte: Niemand denkt solche Gedanken bewusst. Dennoch entwickeln sich Beziehungen manchmal genau in diese Richtung.  Damit bekommt die Beziehung eine Aufgabe, die sie auf Dauer kaum erfüllen kann.

Überhöhte Ansprüche in Beziehungen: Warum Liebe manchmal nicht ausreicht

An dieser Stelle höre ich vielleicht Deinen Einwand: „Ist das nicht genau die Aufgabe einer Partnerschaft?“ Bis zu einem gewissen Punkt mag das zutreffen. Menschen, die sich lieben, sind füreinander da. Sie trösten sich, schenken einander Aufmerksamkeit und tragen gemeinsam durch schwierige Zeiten. Niemand muss jede Krise allein bewältigen. Trotzdem gibt es eine Grenze, über die wir selten sprechen und die manchmal erst offenbar wird, wenn Paare in eine Krise kommen und ihre Erwartungen aussprechen. Ein Bild macht das vielleicht deutlicher. Angenommen, jemand hat sich vor vielen Jahren ein Bein gebrochen. Der Knochen ist längst verheilt, doch das Hinken ist geblieben. Ein guter Freund wird darauf Rücksicht nehmen. Er passt sein Tempo an oder reicht vielleicht eine Hand, wenn der Weg beschwerlich wird. Auf den Gedanken, dieser Freund müsse den alten Bruch heilen, käme allerdings niemand.

Mit seelischen Verletzungen gehen wir oft anders um. Dort erwarten wir manchmal, dass der Mensch an unserer Seite endlich das ausgleicht, was andere versäumt oder verletzt haben. Das ist in partnerschaftlichen Beziehungen eine Überforderung und kann auch die „größte Liebe“ auf Dauer nicht leisten. Zumindest dann nicht, wenn die Beziehungspartner „gesund bleiben“ möchten. Nicht, weil die Liebe zu klein wäre, sondern weil sie für etwas verantwortlich gemacht wird, das sie niemals allein leisten kann.

Wofür bin ich verantwortlich – und wofür Du? Umgang mit Erwartungen an den Partner

Eine Frage beschäftigt mich in diesem Zusammenhang immer wieder. Wo endet eigentlich die Verantwortung meines Partners und wo beginnt meine eigene? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Respekt, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit gehören selbstverständlich zu einer guten Beziehung. Gleichzeitig bleibt das, was in meinem Inneren geschieht, zunächst einmal meine Aufgabe. Das betrifft zum Beispiel Fragen wie, ob ich mich grundsätzlich für liebenswert halte, wie ich mit Kritik umgehe und ob ich mir selbst freundlich begegne. Kein anderer Mensch kann diese Fragen dauerhaft für mich beantworten. Sobald diese Unterscheidung klarer wird, verändert sich häufig auch die Partnerschaft. Der Druck nimmt ab. Liebe muss nicht länger ständig unter Beweis gestellt werden, und jede Unsicherheit wird nicht mehr automatisch zum Beleg dafür, dass etwas in der Partnerschaft nicht stimmt.

Was Beziehungen wirklich stark macht

Romantische Geschichten erzählen seit jeher von der großen Liebe, die alles heilt. Zwei Menschen begegnen sich, und mit einem Mal scheint das Leben vollständig zu sein. Das ist eine schöne Vorstellung. Die Wirklichkeit sieht meistens etwas anders aus. Auch glückliche Paare erleben Ängste, Enttäuschungen und alte Verletzungen. Entscheidend ist nicht, ob solche Gefühle auftauchen, sondern wie beide damit umgehen. Eine tragfähige Beziehung macht niemanden perfekt. Vielmehr entsteht ein Raum, in dem Entwicklung möglich wird. Traurigkeit darf ihren Platz haben, ohne dass der andere sie sofort beseitigen muss. Angst muss nicht versteckt werden, obwohl sie nicht vollständig genommen werden kann. Eigene Verletzungen dürfen gezeigt werden, ohne sie dem Partner zur Reparatur zu übergeben. Gerade darin liegt für mich eine große Stärke. Liebe nimmt uns das Leben nicht ab. Sie macht schwere Wege allerdings leichter, weil wir sie nicht mehr allein gehen müssen.

Sobald ich aufhöre, von meinem Gegenüber Heilung zu erwarten, verändert sich der Blick auf die Beziehung. Aus dem Wunsch nach einem Retter wird die Freude darüber, einen Begleiter gefunden zu haben. Am Ende trägt vermutlich genau diese Haltung eine Partnerschaft. Nicht die Vorstellung, der oder die andere müsse alle Wunden schließen. Sondern die Erfahrung, dass jemand an unserer Seite bleibt, während wir lernen, uns um unsere Verletzungen zu kümmern, sie zu heilen oder lernen mit ihnen zu leben. Das ist vielleicht weniger spektakulär als die Liebesgeschichten aus Filmen, im wirklichen Leben aber oft die viel stärkere Form von Liebe.

Das könnte Dich auch interessieren

>> Wenn Erwachsene nachreifen: Nachbeelterung in Coaching und Therapie

>> Sprachlosigkeit in Familien: Wenn zwischen Generationen geschwiegen wird

>> Dieses Grübeln… Wege aus der nicht endenden Gedankenfalle…

Dein Feedback ist mir wichtig!

Hinterlasse den ersten Kommentar

Vielleicht auch interessant für Dich

Erben-Segen-oder-Fluch

Aus der Beratungspraxis: Erben – Segen oder Fluch?

Lesedauer: 7:36 min

Ein Gastartikel von Hans-Joachim Gehrlein, Heilpraktiker (Psychotherapie) aus Wildflecken Liebe Leserin, lieber Leser, Sie kennen das bestimmt. Nennt sich „St. Florians-Prinzip“ – das passiert immer nur den Anderen nie mir…

weiter lesen
Abmahnung als Heilpraktiker Psychotherapie

Mache es anders als ich, sonst zahlst du mächtig drauf!

Lesedauer: 8:29 min

Der hier veröffentlichte Artikel stellt keine Rechtsberatung dar und übernimmt auch keine Gewähr für den Inhalt. Es ist vielmehr ein Erfahrungsbericht der Dich sensibilisieren soll über die Gefahren die im…

weiter lesen
Unterschied zwischen Coaching und Therapie im Heilpraktiker Psychotherapie Blog

Unterschied zwischen Coaching und Therapie – Wissenswert, nicht nur für Professionelle!

Lesedauer: 4:42 min

Du arbeitest als Coach und Dein Klient berichtet von zurückliegender psychischer Erkrankung?Deine Überlegung ist, wann beginnt Coaching, wo Therapie?Du bist unsicher, ob Du bereits die Grenze zur Therapie überschritten hast?…

weiter lesen

Mein Geschenk für Dich!

PSYCHOLOGISCHE GESPRÄCHSFÜHRUNG

Mit Menschen sprechen – aber wie?
Registriere Dich jetzt und erhalte sofort Zugang zum online Kurs„Psychologische Gesprächsführung„. Es ist kostenlos!

Online Video Kurs Psychologische Gesprächsfuehrung