Wenn Menschen ihr eigenes Leben opfern, um dazuzugehören…
Heute möchte ich Dir einen sehr persönlichen Einblick in meine Praxis geben. Viele Menschen, die ein Coaching oder eine Psychotherapie bei mir zum Thema „Krisenintervention“ buchen, sind – und das ist scheinbar erstmal paradox – nicht gescheitert. Im Gegenteil. Beruflich erfolgreich. Manche haben Millionen auf dem Konto, sitzen „fest im Sattel“, wie man so schön sagt.
„Herr Reitz, ich habe beruflich alles erreicht. Ich habe ein mittelständisches Dienstleistungsunternehmen mit mehreren Filialen, bin verheiratet und habe zwei Kinder. Viele schauen zu mir auf und sagen: Der hat’s geschafft. Beruflich läuft es wie geschmiert. Eigentlich sollte ich richtig glücklich sein… und dankbar. Aber was soll ich sagen: Ich habe alle Ziele erreicht. Doch einer fehlt in meinem Leben – und das bin ich.“ Und dann wird es still im Raum mit sehr viel Betroffenheit…
Erfolgreich, aber unglücklich…
Das hier beschriebene Beispiel ist leider kein Einzelfall aus meiner Praxis. Es zieht sich durch viele Branchen und Altersgruppen, mit einem “Überhang” auf über 45-jährige. Und es wundert mich auch nicht. Wir leben in einer Welt, in der Funktionieren ziemlich gut belohnt wird. Wer liefert, kommt voran. Wer sich anpasst, gilt als teamfähig. Wer Erwartungen erfüllt, wird sichtbar. Klingt erstmal fair. Ist es auch – zumindest oberflächlich. Selten wird dabei gefragt, wer da eigentlich liefert. Viele meiner Klient*innen haben früh gelernt, wie man Erwartungen erfüllt. Wie man sich einfügt. Wie man die Spielregeln versteht – und sie möglichst elegant bedient. Das Problem ist nicht, dass sie sich irgendwann bewusst „verkauft“ hätten. Vielmehr haben sie oft nie gelernt, sich selbst als eigenständige Bezugsgröße ernst zu nehmen. Sie wurden gut darin, zu funktionieren – aber nicht darin, eigene Impulse zu entwickeln und sich selbst ernst zu nehmen.
Einfach nur dazugehören (dürfen)…
Erfolg, Status und Ansehen, all das können wichtige Dinge im Leben von Menschen sein. Und nicht selten werden diese vorgelebt und als “wichtiger Wert” ins Leben mitgegeben. Das was unsere Eltern sind und haben, stellen wir in jungen Jahren eher selten in Frage. Sie zeigen uns durch ihr Vorbild, was “richtig und falsch” ist, wie “die Welt funktioniert” und wie man “ein anständiger Mensch” wird. So weit so gut. Doch was wird aus eigenen Träumen, Wünschen und Hoffnungen? Spielen diese auch eine Rolle? Gibt es denn dafür auch einen Platz? Unter all den genannten Aspekten steht noch etwas ganz Anderes. Es steht die “implizite Botschaft”: Wenn du das tust was wir vorleben und für richtighalten, dann bist du eine(r) von uns, dann bist du richtig, dann darfst du dazugehören. Um zu verstehen, wie solche Muster entstehen, lohnt sich ein Blick auf ein zentrales Konzept:
Exkurs: Explizite und implizite Regeln in Familien (und Gruppen…)
In allen sozialen Gruppen gibt es explizite und implizite Regeln, da macht Familie keine Ausnahme. Explizite Regeln in Familien (oder anderen “Gruppen”) sind klar benannte, bewusst formulierte und meist auch kommunizierte Verhaltensregeln, die festlegen, was erlaubt, erwünscht oder verboten ist. Sie sind für alle Familienmitglieder zugänglich und nachvollziehbar – zumindest in der Theorie. Explizite Regeln können sein: “Wenn wir uns sehen, begrüßen wir uns”. Oder: “Am Tisch wird nicht gestritten”. Diese Regeln tragen bei zu Orientierung und Sicherheit, aber auch zur Vorhersagbarkeit von Verhalten.
Zentrale Merkmale von expliziten Regeln in Familien
- Ausgesprochen: Die Regel wird konkret benannt („Bei uns gilt…“).
- Bewusst gesetzt: Meist durch Eltern oder gemeinsam vereinbart.
- Verbindlich: Sie haben einen gewissen Geltungsanspruch.
- Mit Konsequenzen verknüpft: Verstöße führen zu vorhersehbaren Reaktionen.
Implizite Regeln in Familien sind nicht ausgesprochene, oft unbewusste Erwartungen darüber, wie man sich zu verhalten hat. Sie entstehen durch wiederkehrende Interaktionen, emotionale Rückmeldungen und Beziehungsmuster – nicht durch klare Absprachen. Sicher kennst Du auch diese Form der Regeln aus sozialen Kontexten, in denen Du bist. Typische Beispiele können sein: „Sprich Konflikte nicht offen an“. Oder: „Gefühle wie Wut oder Trauer zeigt man nicht“. Aber auch: „Was Eltern machen oder sagen, ist immer richtig und darf nicht in Frage gestellt werden“. Implizite Regeln stabilisieren das System oft stärker als explizite, weil sie weniger reflektiert und damit schwerer veränderbar sind. In der Beratung werden sie häufig erst durch Irritationen, Inkonsistenzen oder aber zirkuläres Fragen sichtbar gemacht.
Merkmale von impliziten Regeln in Familien
- Nicht verbalisiert: Niemand sagt sie explizit, sie „gelten einfach“.
- Über Lernen und Beobachtung vermittelt: Kinder erschließen sie aus Reaktionen (z. B. Zustimmung, Rückzug, Ärger).
- Emotional abgesichert: Ihre Einhaltung wird häufig indirekt belohnt (Zuwendung) oder sanktioniert (Kälte, Spannung).
- Schwer überprüfbar: Verstöße führen oft zu diffuser Irritation statt klarer Konsequenzen.
Regeldruck und Konformismuszwang in Familien (und anderen Systemen…)
Wenn Menschen sich Regeln in einem (Familien-)system widersetzen, geht es fast immer auch um Zugehörigkeit. Regeln bestimmen nicht nur Verhalten, sondern auch, wer dazugehört. Oft gilt: Wer sich anpasst, gehört dazu. Wer Regeln bricht, wirkt schnell so, als würde er sich von gemeinsamen Werten entfernen. Das wird meist nicht nur als Verhalten gesehen, sondern als Aussage über die Beziehung.
Die Reaktionen sind daher selten neutral. Häufig entsteht Druck, sich wieder anzupassen – durch Kritik, Rückzug oder andere spürbare Reaktionen (zum Beispiel Liebesentzug). Dabei geht es weniger um die einzelne Regel, sondern um die Stabilität des Systems. Für die Person entsteht so ein Spannungsfeld: Anpassung sichert Zugehörigkeit, kann aber eigene Bedürfnisse unterdrücken. Abgrenzung stärkt die eigene Freiheit, kann aber zu Konflikten oder Distanz führen.
Erfolgreich im Unglücklichsein: Dilemma von Abweichlern
Abweichung kann in sozialen Systemen schnell als bedrohlich wirken. Sie bringt Unruhe, stellt Gewohntes infrage und kann Konflikte auslösen. Deshalb reagieren Systeme oft empfindlich darauf. Es geht dann nicht nur um ein Verhalten, sondern um den Zusammenhalt insgesamt.
Für die betroffene Person entsteht dabei leicht ein inneres Dilemma. Passt sie sich an, bleibt sie zugehörig und vermeidet Konflikte – zahlt dafür aber oft mit eigenen Bedürfnissen. Sie funktioniert nach außen, verliert aber innerlich etwas von sich. Geht sie in die Abgrenzung, kann sie mehr sie selbst sein und eigene Entscheidungen treffen. Gleichzeitig riskiert sie Distanz, Konflikte oder ein Gefühl von Einsamkeit.
Beides ist wichtig: Zugehörigkeit und Selbstbestimmung. Wenn nicht beides gleichzeitig gelingt, entsteht ein innerer Konflikt. Viele schwanken dann zwischen Anpassung und Abgrenzung. Das ist kein (ausschließlich) persönliches Problem, sondern zeigt, dass im System selbst eine Spannung besteht.
Erfolgreich… am eigenen Leben vorbeigelebt…?
Menschen richten ihr Leben dann oft so aus, dass es für andere passt – für Eltern, Partner oder die Familie. Nach außen sieht das nach Erfolg aus: Sie leisten viel, übernehmen Verantwortung und erfüllen Erwartungen. Doch innerlich fühlt es sich oft anders an. Es kann ein Gefühl entstehen, nicht wirklich das eigene Leben zu leben, sondern eher eine Rolle zu erfüllen. Dramatische Züge kann es annehmen, wenn Menschen die (vermeintlich eigenen) Lebensziele erreicht haben und dann merken, dass es nicht die eigenen Ziele waren und in einen Abgrund blicken.
Gleichzeitig liegt genau darin auch eine Chance. In einem Moment des Innehaltens (zum Beispiel mit therapeutischer Begleitung) – so verunsichernd er sein kann – ist oft der Anfang von etwas Neuem. Wer erkennt, dass er sich selbst aus dem Blick verloren hat, steht auch vor einer Form von Verantwortung: der Verantwortung für das eigene Leben. Das bedeutet, sich den eigenen Bedürfnissen und Wünschen wieder zuzuwenden und ernst zu nehmen, was sich innerlich stimmig anfühlt. Schritt für Schritt kann so ein eigener Weg entstehen, der nicht selten Mut braucht und zu Beginn oft sehr unsicher erscheint. Die Kunst kann es hier sein, sich nicht allumfassend und komplett gegen die Zugehörigkeit zu entscheiden, sondern in einer Form, die beides verbindet: Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und gleichzeitig in Beziehung zu bleiben.





