Eigentlich läuft dein Leben doch ganz gut. Du funktionierst, kümmerst dich um andere und schaffst im Alltag, was von dir erwartet wird. Und trotzdem nimmst du in dir in manchen Momenten einen inneren Impuls wahr, der sagt, das in deinem Leben irgendetwas fehlt… ?
So geht es vielen Menschen in meiner Praxis, die in ihrem Leben an einen Wendepunkt gekommen sind. Viele Jahre haben sie “ein Spiel” mitgespielt, “Systeme bedient” (O-Ton, genau so sagen es viele…) und sind jetzt zwischen 45 und 55 Jahre alt.
Vielleicht fühlst du dich oft nicht gut genug oder denkst, du brauchst für Dinge die du tust oder nicht tust eine Erlaubnis. Oder es strengt es dich an, immer stark sein zu müssen. Vielleicht hast du auch das Gefühl, dich ständig beweisen zu müssen, obwohl du längst erwachsen bist? Lass uns einen kurzen Blick zurückwerfen in die Zeit unseres Aufwachsens.
Kinder brauchen weit mehr als äußere Bedürfnisse wie Essen, Kleidung und ein sicheres zu Hause. Sie brauchen Menschen, die sie sehen, trösten, ermutigen und ihnen vermitteln: „Du bist wichtig und willkommen. Du bist richtig, so wie du bist.“ Nicht jeder Mensch hat diese Erfahrungen (zumindest ausreichend) machen können. Manche Eltern waren überfordert oder emotional nicht verfügbar, vielleicht sogar innerlich abwesend. Andere stellten hohe Erwartungen oder konnten Gefühle nur schwer zulassen, waren vielleicht auch gefangen in ihrem eigenen Weltbild oder der eigenen Weltanschauung, wie Dinge zu sein haben. Die Folgen zeigen sich oft erst Jahre später. Wir zweifeln an uns selbst, suchen nach Anerkennung oder haben Schwierigkeiten, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen. Obwohl wir längst erwachsen sind, gibt es in uns manchmal noch einen jüngeren Anteil, der auf etwas wartet, das damals gefehlt hat.
Hast du manchmal das Gefühl, dass ein Teil von dir noch immer nach Bestätigung, Geborgenheit oder Anerkennung sucht? Genau hier kann in Beratung und Psychotherapie der Weg der „Nachbeelterung“ hilfreich sein.
Was bedeutet Nachbeelterung?
Der Begriff beschreibt die Möglichkeit, emotionale Erfahrungen nachzuholen, die in der Kindheit zu kurz gekommen sind. Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit umzuschreiben oder vielleicht mit Groll und Undank auf das Vergangene zurückzuschauen. Die Vergangenheit als solche können wir nicht verändern. Was sich jedoch verändern lässt, ist die Beziehung zu uns selbst.
In der persönlichen Begleitung in Coaching und/oder Therapie lernen Menschen etwas, dass sie als Kinder nur unzureichend entwickeln konnten: sich selbst zu beruhigen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich innerlich Sicherheit zu geben. Vielleicht gefällt dir dieses Bild (mit dem ich in der Praxis oft arbeite): Das innere Kind bekommt endlich einen verlässlichen Erwachsenen an seine Seite. Und dieser Erwachsene bist du selbst!
Entwicklung entsteht dabei nicht allein durch Erkenntnisse sondern dadurch, wenn wir neue Erfahrungen machen und erleben, dass wir heute anders mit uns umgehen können als früher. Darin liegt der Kern der Nachbeelterung.
Woran merke ich, dass Nachbeelterung wichtig sein könnte?
Besonders häufig profitieren Menschen, die nach außen sehr kompetent (im Sinne von lebenskompetent) wirken. Sie haben vielleich früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Hinter dieser Stärke verbirgt sich oft eine große Erschöpfung. Vielleicht kennst du auch Gedanken wie: „Ich muss alles alleine schaffen.“ Oder: „Ich darf niemanden enttäuschen.“ Vielleicht fällt es dir schwer, Hilfe anzunehmen oder Grenzen zu setzen. Vielleicht bist du selbst dein strengster Kritiker oder deine strengste Kritikerin. Viele Betroffene berichten auch von einem Gefühl innerer Leere. Nach außen scheint alles in Ordnung zu sein, doch innerlich fühlen sie sich dauerhaft angespannt oder vielleicht sogar einsam.
Der Blick hin zu Selbstannahme und Selbstmitgefühl
Wann hast du dich zuletzt gefragt, wie es dir wirklich geht – nicht, was du leisten musst, sondern was du brauchst? Diese Frage ist für viele Menschen überraschend schwer zu beantworten. Wer als Kind vor allem lernen musste zu funktionieren, entwickelt häufig eine große Sensibilität für andere, verliert dabei aber oft den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen.
Die gute Nachricht lautet: Emotionale Entwicklung endet nicht in der Kindheit. Auch Erwachsene können neue Erfahrungen machen und innerlich nachreifen.
Wie gelingt Nachbeelterung in Coaching und Therapie?
Gemeint ist hierbei nicht die Anwendung einer einzelnen Methode. Sie ist vielmehr ein Prozess, der sich Schritt für Schritt entwickelt. Oft beginnt er damit, dass Menschen in Coaching oder Therapie erleben, dass ihnen wirklich zugehört wird. Dass ihre Gefühle ernst genommen werden und sie nicht perfekt sein müssen. Für manche Menschen ist das eine völlig neue Erfahrung. Plötzlich ist jemand da, der Gefühle von Unzulänglichkeit oder Erschöpfung nicht verurteilt oder bagatellisiert (wird schon wieder…). Das kann sehr entlastend sein und ist oft eine ganz neue Erfahrung.
Das Ziel der Nachbeelterung ist nicht, von einem Coach oder Therapeuten abhängig zu werden. Es geht vielmehr darum, selbst zu einer fürsorglichen inneren Bezugsperson für sich selbst zu werden. Menschen können durch neue Erfahrungen lernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, ihre Grenzen ernst zu nehmen und sich selbst mit mehr Freundlichkeit zu begegnen. Sie entdecken, dass Selbstfürsorge kein Egoismus ist, sondern etwas, was für das eigene Wohlbefinden wichtig ist.
Sich selbst neu begegnen in der Therapie
Alte Muster haben uns oft über Jahrzehnte begleitet. Sie sind nicht zufällig entstanden, sondern waren vielleicht einmal sinnvolle Strategien. Die große Leistungsbereitschaft war vielleicht der Versuch, Anerkennung zu bekommen. Die Angst vor Konflikten sollte Nähe sichern. Die innere Härte diente dem Schutz vor Fehlern. Wenn wir das erkennen, geschieht häufig etwas Entscheidendes: Aus Selbstvorwürfen wird Selbstverständnis.
Darum ist Nachbeelterung weit mehr als ein therapeutisches Konzept. Sie ist die Einladung, sich selbst das zu geben, was man früher gebraucht hätte: Aufmerksamkeit, Sicherheit, Ermutigung und Trost. Wie bereits beschrieben, geht es nicht darum, die Eltern zu verurteilen. Es geht darum, die eigene Geschichte ernst zu nehmen und heute Verantwortung für die eigene emotionale Entwicklung zu übernehmen. Die Frage ist nicht, ob dir in deinem Leben etwas gefehlt hat. Die viel wichtigere Frage lautet: Was kannst du dir heute selbst das geben, was du früher dringend gebraucht hättest?
Vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Kraft der Nachbeelterung – in der Erkenntnis, dass es nie zu spät ist, innerlich weiterzuwachsen und selbst zu dem verständnisvollen und fürsorglichen Menschen zu werden, den man sich als Kind so sehr gewünscht hätte.
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