Gefühle zulassen – warum es Menschen oft nicht gelingt

Gefühle zulassen können

Inhalt

„Wie geht es Ihnen gerade“, frage ich häufig Menschen in meiner Praxis für Psychotherapie, wenn sie von etwas sehr Persönlichem berichten. “Ja, wie geht es mir, da muss ich mal nachdenken”, antworten dann häufig Klient*innen.

Diese Antwort mag verwunderlich klingen: ich muss mal nachdenken, was ich gerade fühle. Dennoch fällt es vielen schwer, einen (guten) Zugang zu ihrem Innenleben, zu ihren Gefühlen aufzubauen oder zu kultivieren. Sie können ihre Gedanken hervorragend beschreiben und erklären Zusammenhänge, analysieren Situationen und finden oft sehr kluge Erklärungen für ihr Verhalten. Doch wenn es um die Frage geht, was sie in diesem Moment fühlen, wird es plötzlich still. Kennst Du das auch von Dir selbst? Du merkst, dass Dich etwas belastet, kannst aber kaum benennen, was es eigentlich ist. Oder Du spürst Ärger, Traurigkeit oder Angst und versuchst gleichzeitig, diese Gefühle möglichst schnell wieder loszuwerden oder fällst ins Grübeln?

Gefühle zulassen – Blick in unsere “Emotionsbiografie”

Hast Du Dich selbst schon einmal gefragt, welchen Stellenwert Dein Gefühlsleben für Dich hat? Welche Informationen erhältst Du von Deinem emotionalen Erleben? Beobachten wir kleine Kinder fällt sofort auf, wie selbstverständlich sie ihre Gefühle zeigen. Sie lachen laut, wenn sie sich freuen und weinen wenn sie traurig sind, Oder sie protestieren, wenn sie etwas ungerecht empfinden. Ein Kind fragt erst einmal nicht, ob seine Gefühle angemessen sind. Es fühlt einfach. Erst mit der Zeit lernen wir, dass manche Gefühle willkommen sind und andere weniger.

Wie prägen uns Lernerfahrungen über Gefühle?

Vielleicht hast Du als Kind Sätze gehört wie: „Jetzt hör auf zu weinen.“, „Stell Dich nicht so an“ oder „du musst keine Angst haben.“ Solche Sätze sind meist gar nicht böse gemeint. Eltern möchten trösten, beruhigen oder ihr Kind stark machen. Trotzdem kommt bei vielen Kindern eine ganz andere Botschaft an: So, wie ich gerade fühle, ist es nicht richtig. Wenn ein Kind den Eindruck hat, dass Traurigkeit, Angst oder Wut unerwünscht sind, beginnt es, genau diese Gefühle zurückzuhalten. Irgendwann geschieht das ganz automatisch. Nicht weil das Kind seine Gefühle verloren hätte, sondern weil es gelernt hat, sie möglichst nicht mehr wahrzunehmen oder zumindest nicht mehr zu zeigen. Hierunter verstehen wir eine Form der Anpassung und ein Ausdruck der Fähigkeit, schwierige Lebensbedingungen zu bewältigen. Hier taucht auch die Begrifflichkeit der sozialen Erwünschtheit auf, als Strategie, sich möglichst “passend” zu verhalten und nicht “unangenehm aufzufallen”.

Fühlen oder Funktionieren?

Oft machen Menschen die Erfahrung, dass Vernunft häufig mehr Anerkennung bekommt als unser Innenleben. Schon in der Schule werden wir vor allem dafür belohnt, wenn wir logisch denken, Probleme lösen und die richtigen Antworten kennen. Später im Berufsleben zählen Leistung, Effizienz und Selbstkontrolle. Wer auch unter Druck funktioniert, gilt als belastbar. Wer seine Gefühle im Griff hat, wirkt professionell. Und wer trotz persönlicher Krisen weitermacht, wird oft für seine Stärke bewundert. Unsere Fähigkeit zu denken ist zweifellos eine große Stärke. Ohne sie könnten wir keine Probleme lösen, keine Pläne schmieden und keine verantwortungsvollen Entscheidungen treffen. Problematisch wird es oft erst dann, wenn wir beginnen zu glauben, dass unser Verstand der einzige zuverlässige Ratgeber ist.

Sind Gefühle gefährlich?

Gefühle haben in unserer Gesellschaft oft einen schweren Stand. Sie gelten schnell als irrational, unberechenbar oder störend. Nicht selten hören Menschen Sätze wie: „Sei doch nicht so empfindlich.“, „Das bildest Du Dir nur ein.“ oder „Denk einfach positiv.“ Hinter solchen Aussagen steckt häufig der Wunsch zu helfen, oft aber auch Hilflosigkeit und Ohnmacht, mit „schweren Gefühlen“ umzugehen.

Gefühle verleugnen – Entfremdung und Leere als Preis?

Vielleicht ist das der eigentliche Preis, den wir dafür bezahlen. Wir verlieren nicht nur den Zugang zu einzelnen Gefühlen. Wir verlieren nach und nach den Kontakt zu dem Menschen, der wir (auch) sind. Das zeigt sich oft in ganz alltäglichen Situationen. Menschen treffen Entscheidungen, die auf dem Papier vollkommen vernünftig erscheinen. Sie wählen den sicheren Beruf, obwohl sie sich nach etwas anderem sehnen. Sie bleiben in Beziehungen, die längst keine Lebendigkeit mehr haben. Sie sagen Ja, obwohl in ihnen alles Nein sagt.

Wenn ich Klientinnen und Klienten frage, warum sie sich so entschieden haben, höre ich häufig Antworten wie: „Es war eben vernünftig.“ Oder: „Ich dachte, das müsste man so machen. Auf die Frage, wie sich diese Entscheidung angefühlt hat, folgt dagegen oft Schweigen. Nicht, weil das Gefühl nicht vorhanden wäre. Sondern weil der Zugang dazu verloren gegangen ist. Gefühle sind unserer innerer Kompass und zeigen uns, was zu uns passt und was nicht. Sie machen uns darauf aufmerksam, wenn wir gegen unsere Werte leben oder etwas finden, das uns wirklich erfüllt. Wer diesen Kompass über lange Zeit ignoriert, spürt oft nur noch, dass etwas nicht stimmt, ohne benennen zu können, was fehlt.

Viele Menschen funktionieren, erfüllen ihre Aufgaben und erreichen ihre Ziele. Dennoch erleben sie eine diffuse Leere. Das Leben läuft weiter, aber es fühlt sich nicht mehr wie das eigene an. Vielleicht ist genau das die tiefste Form der Erschöpfung: nicht zu viel gearbeitet zu haben, sondern zu lange an den eigenen Gefühlen vorbeigelebt zu haben

Wie komme ich in Kontakt mit meinen Gefühlen?

Die gute Nachricht ist: Der Kontakt zu unseren Gefühlen geht nur selten vollständig verloren. Meist ist er lediglich verschüttet unter Erwartungen, Gewohnheiten, Pflichterfüllung und dem ständigen Bemühen, alles richtig zu machen. Der Weg zurück beginnt deshalb nicht mit einer Technik und auch nicht mit dem Vorsatz, ab morgen mehr zu fühlen. Er beginnt mit einer Haltung. Mit der Bereitschaft, immer wieder innezuhalten und sich eine einfache Frage zu stellen: Wie geht es mir eigentlich gerade?

Gefühlsleben aufbauen und stärken als Therapeut

In meiner Praxis fördere ich diesen Blick zum Gefühle zulassen immer aktiv. So frage ich zum Beispiel zum Beginn einer neuen Coaching- oder Therapiestunde oft: „Wie ging es ihnen im Nachgang der letzten Stunde?“ Diese reflexive Frage kann nicht nur an das Erleben des letzten Treffens anknüpfen. Es hält auch ganz gezielt dazu an, das eigene Gefühlsleben wahrzunehmen und dieses als wichtigen Rat- und Impulsgeber mit ins Boot zu nehmen.

Eine weitere Möglichkeit, die persönliche Wahrnehmung für das Gefühlsleben zu trainieren kann auch darin bestehen, ganz gezielt Raum zu geben für eine „emotionale Exploration“. „Wenn Sie sagen, es ging Ihnen gut, was genau heißt für Sie gut?“ So kann in kleinen Schritten ein Vertrauen in die eigene Wahrnehmung entstehen und die Sensibilisierung für das eigene, emotionale Erleben kann noch einmal eine ganz neue Bandbreite menschlichen Erlebens ermöglichen.

Vorbilder für emotionales Erleben: Sind Gefühle erlernbar?

Eine sehr spannende Frage kann die Rückschau sein, wo es in der eigenen Biografie wichtige Vorbilder gab. „Gab es in ihrer Kindheit und Jugendzeit Menschen, bei denen sie so sein durften wie sie sind? Falls ja, wie war das Zusammensein, was haben Sie da gelernt, was kann im Hier und Jetzt für Sie damit wichtig sein?“. Diese Reflexion kann oft ein sehr großes Geschenk sein. Sie kann an eine Zeit anknüpfen, die in der Rückschau oft als sehr wertvoll erscheint und eine große Ressource im Hier und Jetzt bedeutet.

Das könnte Dich auch interessieren:

>> Das Dopamin-Dilemma: Viel “Klick” und viel Segen?

>> Wie gelingt eigentlich Heilung?

>> Prokrastination: Erst wenn ich…

Dein Feedback ist mir wichtig!

1 Kommentar

  • Hallo Peter,
    vielen Dank für deinen wertvollen Beitrag! Und das Timing dazu ist fast schon perfekt! Ich lese gerade ein Buch genau zu diesem Thema! ,,Wieder fühlen lernen“ von Safi Nidiaye. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wann du mal wieder einen Beitrag veröffentlichst und um welches Thema es sich handeln wird! Ich komme auch immer mehr zu der Erkenntnis, wie wenig wir Menschen im Kontakt mit unseren Gefühlen sind. Mit unseren Gedanken, ja! Aber weniger mit unseren Gefühlen. Wie oft wir ,,negative“ Gedanken wie Angst, Schuld, Wut, Neid oder Schmerz vermeiden zu fühlen, obwohl diese Gefühle bzw. Emotionen von uns wahrgenommen werden wollen… doch immer wieder unterdrücken wir sie, schließen sie im Keller ein und unser Körper spannt sich immer mehr an. Doch wenn wir sie wirklich bewusst wahrnehmen und fühlen, dann kann sich das Gefühl wieder auflösen und in ein neues Gefühl umwandeln.
    Liebe Grüße
    Selin 💚

Hinterlasse deinen Kommentar

Vielleicht auch interessant für Dich

Erben-Segen-oder-Fluch

Aus der Beratungspraxis: Erben – Segen oder Fluch?

Lesedauer: 7:36 min

Ein Gastartikel von Hans-Joachim Gehrlein, Heilpraktiker (Psychotherapie) aus Wildflecken Liebe Leserin, lieber Leser, Sie kennen das bestimmt. Nennt sich „St. Florians-Prinzip“ – das passiert immer nur den Anderen nie mir…

weiter lesen
Abmahnung als Heilpraktiker Psychotherapie

Mache es anders als ich, sonst zahlst du mächtig drauf!

Lesedauer: 8:29 min

Der hier veröffentlichte Artikel stellt keine Rechtsberatung dar und übernimmt auch keine Gewähr für den Inhalt. Es ist vielmehr ein Erfahrungsbericht der Dich sensibilisieren soll über die Gefahren die im…

weiter lesen
Unterschied zwischen Coaching und Therapie im Heilpraktiker Psychotherapie Blog

Unterschied zwischen Coaching und Therapie – Wissenswert, nicht nur für Professionelle!

Lesedauer: 4:42 min

Du arbeitest als Coach und Dein Klient berichtet von zurückliegender psychischer Erkrankung?Deine Überlegung ist, wann beginnt Coaching, wo Therapie?Du bist unsicher, ob Du bereits die Grenze zur Therapie überschritten hast?…

weiter lesen

Mein Geschenk für Dich!

PSYCHOLOGISCHE GESPRÄCHSFÜHRUNG

Mit Menschen sprechen – aber wie?
Registriere Dich jetzt und erhalte sofort Zugang zum online Kurs„Psychologische Gesprächsführung„. Es ist kostenlos!

Online Video Kurs Psychologische Gesprächsfuehrung