Umgang mit verpassten Chancen – Wenn Menschen mit ihrer Vergangenheit hadern

Wie können wir Menschen beim Umgang mit verpassten Chancen helfen?

Inhalt

In meiner Praxis begegnen mir immer wieder Menschen, die an einem bestimmten Punkt anfangen, auf ihr bisheriges Leben zurückzuschauen. Manchmal geschieht das ganz bewusst, etwa wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Die Kinderder sind aus dem Haus, der Beruf verändert sich, eine Beziehung ist zu Ende gegangen oder der Ruhestand steht bevor oder ist schon da. Manchmal ist es auch einfach ein Geburtstag, der plötzlich Anlass gibt, einmal Bilanz zu ziehen. Was habe ich eigentlich aus meinem Leben gemacht? Was ist gut gelaufen? Was hätte ich vielleicht anders machen können?

Und dann tauchen sie auf, die Dinge, die nicht passiert sind. Eine berufliche Möglichkeit, die man nicht ergriffen hat. Ein Mensch, dem man seine Gefühle nie gesagt hat. Eine Beziehung, die vielleicht hätte entstehen können. Ein Umzug, den man sich nicht getraut hat. Eine Entscheidung, die man immer wieder infrage stellt. Und manchmal steht dann dieser eine Satz im Raum: ,,Ach, hätte ich damals doch nur … “

Solche Gedanken können sehr viel Kraft kosten. Nicht unbedingt, weil wir tatsächlich in der Vergangenheit leben wollen. sondern weil wir mit einer Geschichte noch nicht gariz fertig sind.

Was wäre gewesen, wenn? Von Gelegenheiten und verpassten Chancen…

Die Frage „Was wäre gewesen, wenn?” ist zutiefst menschlich und ich denke, alle Menschen kennen solche Gedanken. Manchmal bleibt ein kurzer Gedanke und ist nach ein paar Minuten wieder verschwunden. Vielleicht wird sie aber zu einer richtigen Gedankenschleife. Dann wird die alte Situation immer wieder durchgespielt. Was hätte ich anders machen können? Warum habe ich damals nicht genauer hingeschaut? Warum habe ich mich nicht getraut? Weshalb habe ich diese Chance nicht erkannt? Eine solche Situation kann sich gedanklich festsetzen. Insbesondere Menschen, die zum Grübeln neigen, können sich dadurch stark beeinträchtigt fühlen. Menschen, die durch eine Depression belastet sind, können solche Gedanken zusätzlich beschweren und wertvolle Kraft binden, die sie eigentlich für ihren Alltag brauchen.

Das Schwierige ist, dass wir heute aus einer ganz anderen Perspektive auf die Vergangenheit blicken. Inzwischen kennen wir den Ausgang und wissen, wie sich die Dinge entwickelt haben. Damals konnten wir nur mit den Möglichkeiten entscheiden, die wir zu diesem Zeitpunkt gesehen haben. Möglicherweise spielte Angst eine· Rolle, vielleicht waren wir unsicher oder andere Dinge waren damals einfach wichtiger. Und manchmal waren wir vielleicht schlicht noch nicht bereit für das, was vor uns lag.

Rückblick auf die Vergangenheit, mit dem Wissen von heute

Trotzdem beurteilen wir unser früheres Ich oft ziemlich hart. ,,Das hätte ich doch wissen müssen.” ,,Wie konnte ich nur so entscheiden?” Diese Selbstvorwürfe können je nach persönlichem Strickmuster hart bis vernichtend ausfallen. Dabei vergessen wir leicht, dass wir damals mit dem Menschen entschieden haben, der wir zu diesem Zeitpunkt waren.

Natürlich kann eine frühere Entscheidung falsch gewesen sein. Wir treffen nicht immer die richtigen Entscheidungen. Alleine diese Tatsache kann bereits entlastend sein. Aber eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt, muss nicht automatisch eine dumme Entscheidung gewesen sein. Sie kann unter den damaligen Bedingungen durchaus nachvollziehbar gewesen sein. Diese Unterscheidung ist in der therapeutischen Arbeit wichtig. Denn wenn wir die Vergangenheit nur aus der heutigen Perspektive betrachten, machen wir uns selbst schnell zum Angeklagten.

Wenn wir um eine Möglichkeit oder Chance trauern

Hinter dem Bedauern steckt häufig Trauer. Das wird oft erst deutlich, wenn wir etwas genauer hinschauen. Wir denken bei Trauer meistens an einen Menschen, den wir verloren haben, oder an etwas, das einmal da war und nun fehlt. Bei verpassten Chancen ist es anders. Hier trauern wir manchmal um etwas, das es überhaupt nie gegeben hat: Wir trauern um eine Möglichkeit.

Um ein Leben, das vielleicht hätte entstehen können. Um eine Beziehung, die vielleicht anders verlaufen wäre. Um einen Beruf, in dem wir vielleicht aufgegangen wären. Um einen Ort, an dem wir vielleicht glücklicher geworden wären. Das kann sehr real sein, obwohl wir dieses Leben nie geführt haben.

Gerade deshalb ist es manchmal wenig hilfreich, wenn schnell gesagt wird: ,,Das kannst Du doch jetzt nicht mehr ändern.” Natürlich stimmt das. Aber darum geht es in diesem Moment vielleicht gar nicht. Der Mensch weiß vermutlich selbst, dass die Vergangenheit vorbei ist. Was fehlt, ist nicht die Information darüber. Was fehlt, ist der Raum, um das Bedauern überhaupt einmal aussprechen zu können.

In der Therapie kann genau das wichtig sein. Nicht sofort nach vorne schauen, nicht gleich nach einer Lösung suchen, sondern erst einmal verstehen (können und wollen), was da eigentlich betrauert wird.

  • Was hätte diese Möglichkeit bedeutet?
  • Was war daran so wichtig?
  • Was fehlt heute vielleicht noch?

Es kann bereits entlastend sein, wenn Menschen sagen: ,,Ja, ich hätte dieses Leben gerne einmal ausprobiert. Und es tut mir leid, dass ich es nicht getan habe.” Sich zu trauen, dies einmal auszusprechen kann in der therapeutischen Arbeit bereits eine große Würdigung sein.

Umgang mit verpassten Chancen: Die andere Seite der Geschichte sehen

Gleichzeitig passiert bei verpassten Chancen häufig etwas Interessantes. Wir betrachten die Möglichkeit im Rückblick oft sehr einseitig. Wir sehen vor allem das, was hätte schön werden können. Der andere Weg erscheint uns im Nachhinein fast wie die bessere Version unseres Lebens. Ich erlebe es oft in meiner Praxis, dass Klient*innen hierauf einen „verklärten Blick” haben. Der Job, den wir nicht angenommen haben, wird zum Job, der uns glücklich gemacht hätte. Die Beziehung, die nicht entstanden ist, wird zur großen Liebe, die wir verpasst haben. Der Umzug, den wir nicht gewagt haben, wird zum Leben, das eigentlich viel besser zu uns gepasst hätte. Eins ist jedoch wichtig: Wir wissen es nicht.

Das andere Leben ist nie passiert. Deshalb kennen wir auch seine Schwierigkeiten nicht. Vielleicht wäre der Job tatsächlich großartig gewesen. Vielleicht wäre er nach einigen Jahren aber genauso frustrierend geworden wie der Jetzige. Vielleicht wäre die Beziehung glücklich gewesen. Vielleicht hätte sie aber auch irgendwann große Probleme bekommen. Eine nicht gelebte Möglichkeit kann in unserer Vorstellung sehr schön bleiben, gerade weil sie nie mit dem Alltag konfrontiert wurde. Hinzu kommt, dass wir einer Chance manchmal sehr viel Bedeutung geben. Vielleicht sollte sie uns glücklich machen. Vielleicht sollte sie beweisen, dass wir etwas können. Vielleicht sollte mit ihr endlich das Leben beginnen, auf das wir gewartet haben.

Verpasste Chancen: Auf Glückssuche in der Vergangenheit?

Deshalb kann es hilfreich sein, nicht nur zu fragen: ,,Was hätte ich damals bekommen?”, sondern auch: ,,Was habe ich mir eigentlich davon versprochen?” Manchmal liegt darin der entscheidende Punkt. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um den verpassten Beruf, sondern um Anerkennung. Vielleicht nicht um diese eine Beziehung, sondern um den Wunsch nach Nähe. Vielleicht nicht um die andere Stadt, sondern um die Sehnsucht nach einem freieren Leben. Wenn das deutlich wird, verändert sich häufig auch der Blick auf die Vergangenheit.

Alte Entscheidungen loslassen – Umgang mit Reue

Irgendwann kommt für viele Menschen der Moment, an dem die Vergangenheit ihren Platz bekommen darf. Das bedeutet nicht, dass wir jede Entscheidung gut finden müssen. Es bedeutet auch nicht, dass wir uns einreden sollen, alles sei genauso richtig gewesen; wie es gekommen ist. Manche Dinge würden wir tatsächlich gerne anders machen. Aber wir können lernen, mit dieser Erkenntnis zu leben, ohne uns ständig dafür zu verurteilen.

Es kann einen großen Unterschied machen wenn Menschen sagen „Ich habe mein Leben verpasst” oder: ,,Es gibt Dinge in meinem Leben, die ich heute anders machen würde.” Der erste Satz macht aus einer Erfahrung ein Urteil über das gesamte eigene Leben: Groß, mächtig, einnehmend und generalisierend. Der zweite lässt die Erfahrung dort, wo sie hingehört: in der eigenen Geschichte.

Umgang mit verpassten Chancen in Coaching und Psychotherapie

Verpasste Chancen können für Menschen einen „bitteren Geschmack” haben. In Coaching und Psychotherapie dürfen sie ihren Platz finden – mit dem Bedauern, der Trauer und dem, was Menschen daraus gelernt haben. Hierbei können Fragen helfen wie:

  • Welche Bedeutung hat diese Erfahrung heute noch für Dich?
  • Was hast Du dabei über Dich selbst und Deine Wünsche erfahren?
  • Gibt es etwas, das Du (für) heute anders entscheiden oder angehen möchtest?

Wenn die Vergangenheit ausreichend Raum bekommen hat, kann sich der Blick langsam wieder auf die Gegenwart richten. Diese Momente der Würdigung sind oft sehr entlastend für Menschen. Alles was gesagt und gefühlt werden sollte, hatte einen Raum und kann einen Platz im eigenen Gefühlsleben, im eigenen Selbstbild, finden. Denn die entscheidende Frage ist irgendwann nicht mehr: Was wäre damals möglich gewesen?”, sondern: ,,Was ist heute möglich?” Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern, aber wir können entscheiden, welchen Platz sie in unserem Leben einnimmt. Diese Entscheidung dürfen wir selbst treffen. Wenn die Erfahrung ihren Platz gefunden hat, bleibt vielleicht das Bedauern, bekommt aber oft eine andere Bedeutung. Wir verstehen besser, was uns damals gefehlt hat und was wir heute nicht mehr aus dem Blick verlieren möchten. Ich frage dann oft: Wenn die Vergangenheit sprechen könnte, was möchte sie für das „Hier und Jetzt” gerne sagen?

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