Oftmals sind es die kleinen Situationen, die eigentlich kaum der Rede wert sind und uns trotzdem noch lange beschäftigen. Kommt Dir das folgende Beispiel bekannt vor? Nach einem Gespräch geht Dir durch den Kopf, ob die eigene Bemerkung vielleicht ungeschickt war. Eine von Dir versendete Nachricht bleibt unbeantwortet und schon entsteht die Frage, ob die andere Person verärgert sein könnte. Während einer Besprechung fällt ein kritischer Blick auf, der sich später immer wieder ins Gedächtnis schiebt. Eigentlich wissen wir, dass wir nicht wissen können, was ein anderer Mensch tatsächlich über uns denkt. Trotzdem beschäftigt uns immer wieder die Frage: Was andere wohl von mir denken? Und warum ist mir das eigentlich so wichtig?
In diesem Beitrag möchte ich die psychologischen Hintergründe beleuchten, warum für uns Menschen die Meinung anderer wichtig ist. Dazu gehört auch die Frage, wie wir uns selbst besser verstehen können und in kommunikativen Situationen eine gute Balance herstellen können zwischen dem, was wir glauben, was ist, und dem, was tatsächlich ist bzw. sein könnte.
Wenn die Meinung anderer plötzlich so viel Gewicht bekommt
Wir Menschen brauchen andere Menschen und Zugehörigkeit zu anderen und zu Gruppen ist für uns weit mehr als eine angenehme Ergänzung des Lebens. Sie ist ein Grundbedürfnis, und Anerkennung, Nähe und das Gefühl, willkommen zu sein, vermitteln soziale Sicherheit. Ablehnung oder zumindest „gefühlte Ablehnung“ dagegen kann verunsichern und manchmal sogar existenziell bedrohlich wirken. Schon deshalb reagieren wir empfindlich auf Anzeichen dafür, dass eine Beziehung gefährdet sein könnte.
Im Alltag reichen dafür oft Kleinigkeiten. Ein anderer Mensch wirkt plötzlich distanzierter, antwortet kürzer als gewohnt oder schaut während eines Gesprächs ungewöhnlich ernst. Sofort beginnt unser Kopf damit, nach einer Erklärung zu suchen. Aus dem schlichten Umstand, dass jemand nicht zurückgerufen hat, kann die Vermutung werden, selbst etwas falsch gemacht zu haben. Ein sachlicher Einwand einer Kollegin kann sich innerlich zu dem Gedanken verwandeln: „Sie hält mich für unfähig.“
Eine Rolle bei all diesen Mechanismen spielt dabei auch die soziale Erwünschtheit. Menschen möchten nicht nur dazugehören, sondern häufig auch den Erwartungen entsprechen, die in ihrem sozialen Umfeld gelten. Wir möchten als freundlich, kompetent, zuverlässig, interessant oder hilfsbereit wahrgenommen werden. Solange diese Orientierung flexibel bleibt, ist daran wenig problematisch. Schließlich gehört es zu einem funktionierenden sozialen Miteinander, die Wirkung des eigenen Verhaltens auf andere zu berücksichtigen. Schwierig wird es erst, wenn aus Rücksicht eine innere Verpflichtung wird. Dann genügt schon die Vorstellung, jemand könnte unzufrieden sein, um das eigene Verhalten infrage zu stellen.
Wir sehen uns selbst durch die Augen anderer
Die Art und Weise, wie wir uns selbst sehen, also unser Selbstbild, ist ein ständiger Prozess aus unseren bewerteten Wahrnehmungen, Vorerfahrungen, aber auch aktuellem Feedback durch unser Umfeld. Schon früh erfahren wir, wie andere Menschen auf uns reagieren. Zustimmung, Kritik, Zurückweisung, Interesse oder Gleichgültigkeit hinterlassen Spuren und beeinflussen die Vorstellungen, die wir von uns selbst entwickeln. Wer beispielsweise in sozialen Situationen häufig erlebt hat, dass die eigenen Beiträge ernst genommen werden, wird in neuen Situationen vermutlich leichter davon ausgehen, akzeptiert zu werden. Eine andere Lerngeschichte kann dazu führen, dass bereits kleine Zeichen von Distanz aufmerksam registriert werden. Aus früheren Erfahrungen entstehen dann Erwartungen darüber, wie andere auf uns reagieren könnten. Damit verändert sich auch die Bedeutung der Frage „Was denken die anderen über mich?“. Hinter ihr kann eine viel grundlegendere Frage stehen: „Was sagt ihre Reaktion über mich aus?“
Und genau hier kommt unser Selbstwert ins Spiel. Fühlt sich ein Mensch auch dann grundsätzlich wertvoll und akzeptiert, wenn andere ihn kritisieren oder ablehnen, besitzt deren Urteil eine andere Bedeutung. Ist der eigene Selbstwert dagegen stark davon abhängig, bestätigt und anerkannt zu werden, kann ein kritischer Blick plötzlich viel größer werden, als er eigentlich ist. Kritik an einem einzelnen Verhalten fühlt sich dann schnell wie eine Kritik an der ganzen Person an. Eine Zurückweisung wird nicht mehr nur als enttäuschende Erfahrung erlebt, sondern kann das eigene Selbstbild ins Wanken bringen. Aus „Das hat ihm nicht gefallen“ wird dann leicht „Ich bin nicht gut genug“.
Die Freiheit, nicht genau zu wissen, was andere denken
Vollständige Gewissheit darüber, was andere Menschen über uns denken, werden wir niemals erreichen. Selbst eine direkte Nachfrage liefert schließlich nur die Antwort des Gegenübers, die er oder sie uns in dem Moment tatsächlich geben möchte. Ein gewisses Maß an Ungewissheit gehört deshalb unvermeidbar zu menschlichen Beziehungen. Auch ständiges Nachdenken kann diesen offenen Raum nicht zuverlässig schließen. Häufig führt es sogar dazu, dass immer neue Fragen entstehen: Warum hat er das so gesagt? Was meinte sie mit diesem Blick? Hätte ich anders reagieren sollen?
Solches Grübeln kann zu einer „Grübelschleife“ werden, in der wir immer wieder um dieselbe Frage kreisen, ohne tatsächlich zu einer neuen Erkenntnis oder Lösung zu kommen. Dabei kann sich unser Denken zunehmend verselbstständigen und uns das „Hirn zermartern“.
Äußerer Dialog und Selbstdialog: Ein Schritt zu innerer, persönlicher Freiheit
Hilfreicher kann es sein, die eigene Vermutung wieder als Vermutung für sich selbst kenntlich zu machen. „Ich habe den Eindruck, dass er enttäuscht ist“ bedeutet etwas anderes als „Er ist enttäuscht von mir“. Auch „Ich habe Angst, dass sie mich für unfähig hält“ ist etwas anderes als „Sie hält mich für unfähig“.
In diesem kleinen Unterschied steckt erstaunlich viel Freiheit. Sobald wir erkennen, dass wir die Gedanken anderer nicht kennen, müssen wir auch nicht jede Befürchtung wie eine Tatsache behandeln. Darin kann auch die persönliche Freiheit stecken, nicht auf „jeden Mist, den ich denke“, sofort reagieren zu müssen. „Gehe ich diesem Gedanken jetzt wirklich nach? Was bringt es mir? Sollte ich vielleicht in fünf Minuten noch einmal darüber nachdenken? Und wenn ich es dann vergessen habe, war es dann vielleicht gar nicht wirklich wichtig?“
Solche Momente, in denen wir lernen, unsere Gedanken zu beobachten ohne gleich bewerten zu müssen, können uns in eine Position der „kritischen Distanz“ bringen, in der wir solche Gedanken zunächst einmal „vertagen“ können, um sie gegebenenfalls später noch einmal aufzugreifen.
In meiner Praxis geht es deshalb häufig gar nicht darum, herauszufinden, was der andere tatsächlich denkt. Viel interessanter ist oft die Frage: Warum beschäftigt mich seine vermutete Meinung eigentlich so sehr? Denn manchmal erfahren wir dabei mehr über uns selbst als über den anderen.





