Fünf Schlüssel zum inneren Heilwerden
Menschen, die eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen, möchten sich oft von Belastungen, Ängsten, hemmenden Beziehungsproblemen oder anderen Faktoren befreien, die ihre persönliche Entfaltung behindern. Hinter all den genannten Aspekten verbirgt sich ein Grundthema: Die Menschen suchen nach „Heilung. Doch was ist das eigentlich? Können wir überhaupt innerlich „Heil werden“ und wie können wir Therapeut*innen Menschen dabei helfen?
In diesem Artikel möchte ich Dir fünf wichtige Schlüssel an die Hand geben, wie Menschen unabhängig von ihrem Leidensthema den Weg zur „inneren Heilung“ antreten können.
1. Akzeptanz – Die Basis für Veränderung und Heilung
Viele Menschen, die psychotherapeutische Unterstützung suchen, möchten in erster Linie ihre belastenden Gefühle und Gedanken möglichst schnell loswerden. Das ist natürlich mehr als verständlich. Vielleicht fühlen sie sich antriebslos, ängstlich. müde oder kraftlos. Das sind Zustände, die niemand gerne hat oder möchte. Ein wichtiger Schritt zur „inneren Heilung“ ist, anzuerkennen, dass dies im Moment so ist. Dabei bedeutet Akzeptanz nicht, diesen Zustand jetzt gutzuheißen. Vielmehr heißt es, dass bestimmte Gefühle oder Situationen im Moment in unserem Leben so sind oder zu unserem Leben dazugehören. Die persönliche Annahme bedeutet auch nicht Resignation, sondern die Entscheidung, einen Ist-Zustand so anzunehmen und ihm zu begegnen.
Frage Dich selbst einmal ehrlich: Was fällt mir besonders schwer anzunehmen? Gibt es Gefühle oder Erinnerungen, die ich bewusst vermeide?
2. Eigenverantwortung – Der Schlüssel zu neuer Stärke
In der therapeutischen Praxis begegnet häufig der Wunsch, Heilung von außen geschenkt zu bekommen. „Möge doch jemand kommen, der mich blitzschnell und mühelos wieder gesund machen könnte“. Dieser Wunsch ist nur allzu sehr verständlich. Wer leidet schon gerne oder hat gerne unangenehme Gefühle? Nicht selten suchen wir die Schuld für die Lebensumstände im Außen. „Wenn die anderen sich nur ändern würden, dann wäre doch alles viel leichter“. Zumindest glauben wir das oder wollen es glauben. Hätten die Eltern damals anders entschieden, wäre mein Chef nicht so ein unmöglicher Mensch und hätte ich damals nur einen anderen Partner geheiratet: Mein Leben wäre zwangsläufig viel besser verlaufen.
Unsere eigene Kraft zurückgewinnen können wir, wenn wir für eine Situation die volle Verantwortung übernehmen und aus dieser Verantwortung handeln, auch wenn es erst einmal schwerfällt. Dieser Schritt ist oft ein Prozess und ist meist nicht von jetzt auf gleich durchführbar. Möglicherweise hatten wir auch keine oder nur wenige Vorbilder, die uns darin unterstütz(t)en, selbstverantwortlich zu handeln. Zu verstehen, selbst wirksam sein zu können kann uns (ganz allmählich) wieder in eine Position der Stärke (zurück-)versetzen. Psychotherapie unterstützt im besten Fall genau diesen Prozess: Sie begleitet uns, während wir lernen, das Leben selbstbestimmt neu zu ordnen. Eine große Kraft kann für Menschen entstehen, wenn sie erkennen, dass ihr Zustand veränderbar ist.
Bist Du bereit, Verantwortung für Dein eigenes Glück zu übernehmen? Welche ersten Schritte kannst Du heute bereits gehen? Gibt es noch Situationen oder Begebenheiten aus der Vergangenheit, welche Dich festhalten? Wie könntest Du diese lösen?
3. Emotionale Klarheit – Gefühle verstehen lernen
Gefühle sind der Kompass unseres psychischen Erlebens. Doch oft wissen wir nicht genau, was wir fühlen – geschweige denn warum. Nicht selten existiert die Annahme, dass Gefühle gefährlich sind und wir lieber auf dem „Boden der Tatsachen“ bleiben sollten. Eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, auszudrücken und nach ihnen Handeln zu können ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur inneren Heilung. Nicht selten macht das Ignorieren von eigenen Gefühlen und Bedürfnissen Menschen auf Dauer krank, da sie nicht mehr erkennen können, was für sie stimmig ist und was nicht. Durch das Verständnis der eigenen Gefühle gewinnen wir Klarheit über unser Innenleben. Wir können viel bewusster und authentischer handeln und treffen Entscheidungen im Einklang mit uns selbst.
Welche Botschaften senden Dir Deine Gefühle aktuell? Welches Gefühl ist am stärksten präsent und was könnte dahinterstecken?
4. Innere Ressourcen entdecken und stärken – Hier ist das Fundament Deines Lebens
Heilung heißt nicht nur, Leiden zu lindern, sondern auch, bereits vorhandene Ressourcen zu entdecken und gezielt zu stärken. Ressourcenaktivierung ist dabei eines der wichtigsten Wirkfaktoren einer (für die Patient*innen) erfolgreich verlaufenen Psychotherapie. Im Zustand von Anspannung und Belastung verlieren wir den Blick auf unsere Stärken. Psychotherapie hilft dabei, diese Ressourcen wieder sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln. Was macht uns stark, widerstandsfähig und glücklich? Die gezielte Arbeit an diesen Punkten erschafft nach und nach ein stabiles Fundament für nachhaltige psychische Gesundheit. Ressourcen können persönliche Fähigkeiten, soziale Kontakte, Hobbys oder positive Gewohnheiten sein, die in der Therapie bewusst gefördert und in den Blick genommen werden.
Welche deiner Ressourcen möchtest du jetzt besonders stärken? Gibt es Fähigkeiten, die du bisher unterschätzt hast?
5. Geduld und Selbstmitgefühl – Heilung braucht Zeit
Genau wie eine körperliche Wunde nicht über Nacht wieder gut wird, benötigt innere Heilung Zeit und Geduld, auch wenn es in einer schnelllebigen Zeit manchmal schwerfällt das auszuhalten. Nicht selten sind Menschen über einen längeren Zeitraum in eine Belastungssituation gekommen und es gibt eine Vorgeschichte. Oft wurden wichtige Entscheidungen im Leben nicht getroffen, vielleicht aus Angst, sich falsch zu entscheiden? Das Kultivieren von Selbstmitgefühl kann helfen, mit sich selbst wohlwollend und geduldig umzugehen, auch bei Rückschlägen, die es meist gibt. Vielleicht betrachtest Du Dich selbst hin- und wieder wie einen guten Freund, mit dem Du auch freundlich und geduldig umgehst. Sich erlauben Fehler zu machen stärkt die gute Beziehung zu uns selbst. Kleinere „Rückschläge“ sind nicht selten „Übergänge“ in etwas Neues, zum Beispiel ein neues Selbstbild.
Wie liebevoll gehst Du aktuell mit Dir selbst um? Könntest Du Dir selbst heute etwas mehr Verständnis schenken?
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4 Kommentare
Jasmin
Herzlichen Dank Peter, fürs erinnern welche Ressourcen wir in uns haben. Die Eigenverantwortung und es zu fühlen halte ich für die großen Eckpfeiler- Feel it-to heal it <3.
Es ist ein Prozess für den es sich lohnt los zu gehen .
Peter Reitz
Hallo Jasmin, vielen Dank für Deinen Kommentar der anderen Mut macht :-).
Peter Reitz
Vielen Dank, Heike, für Deinen Input und eure wunderbare Arbeit – damit Menschen in Heilung kommen können 😊.
Heike
Ach herrlich: möge doch die Prinzessin auf der weißen Stute ☺️ kommen, mich in den Sattel heben und somit retten .. und das bitte im Eiltempo.. 😅 nee, geht so tatsächlich nicht, ich hab diese Erwartungshaltung oft von Neulingen im yoga .. deine 5 Punkte sind wunderbar herausgearbeitet und auf den Punkt. Und, wenn man ehrlich ist: doch viel spannender als eine Instant Lösung ⭐️ merci.