Soziale Erwünschtheit in der Psychotherapie: Wenn Klient*innen Erwartungen erfüllen statt Gefühle zeigen

soziale Erwünschtheit in der Psychotherapie als Stolperfalle

Inhalt

Die therapeutische Beziehung gilt als einer der stärksten Wirkfaktoren in der Psychotherapie. Klient*innen erfahren sie als sicheren Raum, in dem sie sich ausdrücken, reflektieren und entwickeln können. Doch in diesem Raum kann ein subtiler, aber therapeutisch relevanter Mechanismus entstehen: soziale Erwünschtheit. Sie zeigt sich, wenn Menschen nicht das sagen, was ist, sondern das, was sie glauben, dass von ihnen erwartet wird. Besonders relevant wird dies, wenn soziale Erwünschtheit durch zu viel Nähe oder zu viel Distanz in der therapeutischen Beziehung entsteht. Genau diese Ambivalenz ist oft selbst schon Thema, das Menschen in die Therapie bringt.

Das unsichtbare Anpassungsprogramm: Was bedeutet soziale Erwünschtheit?

Hierunter verstehen wir die Tendenz, sich so darzustellen, wie es als sozial akzeptabel, kompetent oder angenehm wahrgenommen wird. In der Psychotherapie tritt sie vor allem in zwei Varianten auf:

1. Selbstdarstellungsorientierung: Die bewusste oder unbewusste Inszenierung des eigenen Bildes.

Beispiel: Eine Klientin berichtet in der Sitzung ausschließlich von ihren funktionierenden Strategien, ihren Erfolgen im Job und ihrer „eigentlich guten Stimmung“. Sie lässt dabei bewusst (oder unbewusst) aus, dass sie am Abend zuvor einen emotionalen Zusammenbruch hatte, weil sie nicht als „instabil“ wirken möchte. Sie zeigt der Therapeutin ein Bild von sich, das kontrolliert und kompetent ist, selbst wenn es nicht der inneren Realität entspricht. Im Kern: Das eigene Bild wird optimiert, um positiv, souverän oder belastbar zu erscheinen.

2. Konformitätsorientierung: Das Erfüllen vermeintlicher Erwartungen von Therapeut*innen: „Ich sage, was erwartet wird.“

Beispiel: Ein Klient stimmt der Therapeutin regelmäßig zu („Ja, das ergibt Sinn“), auch wenn er die Intervention eigentlich nicht nachvollzieht oder innerlich Widerstand spürt. Er formuliert seine Gefühle so, wie er glaubt, dass sie in der Therapie „klingen sollten“ („Ich fühle mich etwas angespannt“, obwohl er innerlich wütend ist), um in die vermeintlichen Erwartungen der Therapeutin zu passen und nicht „schwierig“ zu wirken. Im Kern: Das Verhalten orientiert sich daran, was die Therapeutin vermutlich hören oder sehen möchte und nicht an der eigenen authentischen Erfahrung.

Zu viel Nähe: Wenn Verbundenheit zu Anpassung führt und soziale Erwünschtheit nährt

Eine warmherzige, vertrauensvolle therapeutische Beziehung ist essenziell, kann aber paradox wirken. Je wertvoller diese Beziehung erlebt wird, desto größer wird der Wunsch, sie nicht zu gefährden. Diese übermäßige Nähe begünstigt: – das Zurückhalten kritischer Themen, das Überbetonen von Fortschritten, die Vermeidung von Konfrontation, das ständige Signalisieren von Zustimmung Zu viel Nähe kann dazu führen, dass Klient*innen ihre eigene innere Realität zugunsten der Beziehung regulieren. Statt sich authentisch zu zeigen, reproduzieren sie das, was sie für „beziehungsstabilisierend“ halten. Dadurch bleibt der therapeutische Raum zwar warm, aber nicht mehr konfliktfähig. Veränderungsrelevante Konflikte werden nicht angesprochen, weil die Angst, enttäuschend, fordernd oder „zu viel“ zu sein, den Mut zur Offenheit überlagert. Die Beziehung wird dann zum sicheren Hafen, aber nicht mehr zum Resonanzraum echter Entwicklung.

Wenn Distanz als Bewertung erlebt wird: Anpassung aus Unsicherheit

Nicht nur übermäßige Nähe kann soziale Erwünschtheit verstärken, sondern auch ein Gefühl von Distanz. Werden Therapeut*innen als kühl, unnahbar oder stark zurückgenommen erlebt, kann das bei Klient*innen unbewusst das Gefühl auslösen, unter Beobachtung zu stehen. Die therapeutische Situation erhält dann einen evaluativen Charakter, ähnlich wie eine Prüfungssituation. In diesem Modus richten Klient*innen ihre Aussagen stärker darauf aus, möglichst unauffällig oder „korrekt“ zu wirken. Gefühle werden rationalisiert, Konflikte entschärft und Bedürftigkeit wird verschwiegen, um nicht unangenehm aufzufallen.

Typische Anzeichen:

  • Aussagen werden ständig vorsichtig und kontrolliert formuliert
  • intensive Emotionen werden verharmlost oder neutralisiert
  • Klient*innen wechseln Themen, wenn es „zu persönlich“ wird

Die Beziehung wirkt äußerlich strukturiert, innerlich aber nicht tragfähig. Distanz wird dann zum Katalysator für Selbstzensur.

Zwischen Anpassung und Autonomie: Der innere Konflikt

Soziale Erwünschtheit ist nicht einfach „falsches Verhalten“, sondern ein zutiefst menschliches Regulationsmuster. In vielen Biografien entsteht sie aus der Notwendigkeit, Bindungen zu sichern oder Kritik zu vermeiden. In der Therapie zeigt sich dieser Mechanismus als innerer Konflikt: Einerseits der Wunsch nach authentischem Ausdruck, andererseits die Angst, die Beziehung zu belasten.

Dieser Konflikt ist oft nicht bewusst, sondern zeigt sich in feinen, wiederkehrenden Mustern:

  • Ambivalentes Sprechen: „Ich weiß nicht, ob das wichtig ist …“
  • Vorweggenommene Relativierungen: „Vielleicht übertreibe ich …“
  • Vorsichtige Blickkontakte oder Abgewandtheit

Klient*innen versuchen, sowohl autonom als auch angepasst zu bleiben. Ein Balanceakt, der Energie kostet und die Tiefe des therapeutischen Prozesses limitiert. Erst wenn dieser innere Widerspruch sichtbar gemacht wird, kann Raum für neue Beziehungserfahrungen entstehen.

Die Rolle von Therapeut*innen bei sozialer Erwünschtheit

Therapeut*innen spielen eine zentrale Rolle darin, soziale Erwünschtheit nicht nur als Verhalten, sondern als Beziehungsbotschaft zu verstehen. Statt sie als Widerstand oder mangelnde Motivation zu deuten, ist es hilfreicher, sie als Schutzstrategie zu würdigen.

Wirkungsvolle Interventionen umfassen:

  • Metakommunikation: behutsames Ansprechen der Anpassungsdynamik („Ich frage mich, ob es gerade schwer ist, etwas Kritisches zu sagen.“)
  • Normalisieren: verdeutlichen, dass Unsicherheit oder Kritik in der Therapie Platz haben dürfen
  • Erlaubnis geben: aktiv einladen, Unangenehmes oder Unerwartetes zu äußern
  • Beziehungsfeedback ermöglichen: Fragen wie „Wie ist es für Sie, das hier zu sagen?“ können neue Räume öffnen

Zentral ist dabei, eine Haltung einzunehmen, die die Beziehung nicht idealisiert, sondern als gemeinsamen Entwicklungsraum begreift. Durch achtsame Spiegelung können Klient*innen lernen, dass Offenheit nicht zum Beziehungseinbruch führt. Nicht selten eine zutiefst korrigierende Erfahrung.

Vom Sich-Anpassen zum Sich-Zeigen: Der Weg zu echter therapeutischer Begegnung

Der Übergang von sozialer Erwünschtheit zu authentischem Selbstausdruck geschieht selten abrupt. Er ist ein Prozess, in dem Klient*innen allmählich erfahren, dass ihre innere Realität gehalten werden kann. Und zwar auch dann,  wenn sie chaotisch, widersprüchlich oder konflikthaft ist.

Therapie wird dann zum Raum, in dem neue Beziehungs- und Bindungserfahrungen möglich werden: Beziehungen müssen nicht durch Anpassung stabil gehalten werden, und distanzierende Muster müssen nicht vor Verletzlichkeit schützen.

Wesentliche Schritte dieses Übergangs sind:

  • das Erleben von Beziehungssicherheit jenseits von Perfektion
  • die Erfahrung, dass Grenzen und Konflikte die Beziehung nicht zerstören
  • das Gefühl, auch mit schwierigen Emotionen willkommen zu sein

Wenn Klient*innen diese Erfahrungen machen, entsteht ein Raum, in dem nicht Erwartungen erfüllt, sondern Gefühle gezeigt werden können. Genau dort beginnt wirkliche Veränderung, jenseits von „vorgefertigtem“, sondern persönlichem Kontakt.

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