Wie Menschen (unbewusst) Therapie manipulieren
Selbstwertdienliche Verzerrungen sind Denkweisen, mit denen wir unser Selbstwertgefühl schützen. Wir interpretieren Situationen so, dass wir möglichst gut dastehen – vor anderen und vor uns selbst. Der sogenannte „Self-serving Bias“, wie er im englischen genannt wird, kann dazu führen, dass Menschen in der Therapie sozusagen „Gefangene“ der eigenen Narrative” werden und so echte Weiterentwicklung verhindert wird.
Beispiel für selbstwertdienliche Verzerrung im beruflichen Bereich:
Eine Führungskraft bekommt die Rückmeldung, sie höre im Team zu wenig zu. Statt dies als möglichen Hinweis auf das eigene Verhalten zu prüfen, denkt sie: „Mein Team ist einfach zu empfindlich.“ Damit bleibt das eigene Selbstbild als kompetente Leitungsperson stabil.
Oder im privaten Bereich:
Nach einem Streit sagt jemand: „Ich habe nur so heftig reagiert, weil mein Partner mich provoziert hat.“ Vielleicht stimmt das teilweise. Gleichzeitig bleibt der eigene Anteil an der Eskalation unsichtbar. Auch hier schützt die Erklärung den Selbstwert.
Wichtig: Bei den hier genannten Beispielen geht es nicht um ein „falsches oder krankes Denken“. Selbstwertdienliche Verzerrungen dienen dazu, den eigenen Selbstwert zu schützen.
Warum tauchen sie in der Therapie so häufig auf?
Psychotherapie ist ein besonderer Ort. Hier geht es um persönliche Themen, um Beziehungsmuster, um Verletzungen, um Schuld, Scham oder Versagen. All das sind Themen, die den persönlichen Selbstwert zutiefst berühren können. Wenn Menschen anfangen, ihr eigenes Verhalten genauer anzuschauen, kann das unangenehm sein. Es kann sich wie eine Kritik am eigenen Ich anfühlen. Genau in solchen Momenten treten selbstwertdienliche Verzerrungen auf.
Typische Auslöser für selbstwertdienliche Verzerrungen
Bedrohung des Selbstbildes
Jemand erkennt, dass er selbst etwas zu Konflikten beiträgt. Dies kann kränkend sein. „Verzerrungen“ helfen, diese Kränkung abzumildern.
Schamgefühle
Scham ist ein sehr starker Affekt. Um sie nicht voll spüren zu müssen, werden Erklärungen gesucht, die Psyche zu entlasten.
Die Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten
Auch in der Therapie wollen Menschen in einem guten Licht erscheinen. Sie möchten verständlich, vernünftig oder moralisch wirken. Hier sprechen wir manchmal auch von dem Faktor der sozialen Erwünschtheit. Das beeinflusst, wie sie über sich selbst sprechen.
Das Bedürfnis nach einem stimmigen Selbstbild
Wir alle möchten eine Geschichte über uns haben, die Sinn ergibt. Wenn neue Einsichten nicht zu dieser Geschichte passen, kann Spannung enstehen. Verzerrungen helfen, diese Spannung zu reduzieren.
Aus den genannten Praxisbeispielen wird deutlich: Selbstwertdienliche Verzerrungen sind in der Therapie nicht ungewöhnlich, sie sind im Grunde Teil des Prozesses.
Welche Funktion haben selbstwertdienliche Verzerrungen?
Selbstwertdienliche Verzerrungen haben wichtige Funktionen. Ohne sie wären wir psychisch deutlich verletzlicher.
Gefühlsregulation: Wenn wir uns für alles selbst verantwortlich machen würden, könnten wir leicht in starke Selbstzweifel oder Selbstabwertung geraten. Verzerrungen können solche Gefühle abdämpfen.
Stabilisierung der Identität: Ein gewisses positives Bild von uns selbst ist wichtig. Wer sich nur negativ sieht, verliert Orientierung und Sicherheit.
Erhalt von Handlungsfähigkeit: Wenn jemand nach einem Misserfolg denkt: „Ich bin unfähig“, führt das schnell zu Resignation. Wenn er denkt: „Das war eine schwierige Situation“, bleibt er eher aktiv.
Schutz vor Überforderung: Manchmal ist die Wahrheit über den eigenen Anteil an Problemen noch zu schmerzhaft. Die Verzerrung wirkt dann wie eine Zwischenlösung. Erst wenn genug innere Stabilität vorhanden ist, kann mehr Verantwortung übernommen werden. In diesem Sinne sind selbstwertdienliche Verzerrungen zunächst etwas Gesundes. Problematisch werden sie erst dann, wenn sie sehr starr sind und keine andere Sichtweise mehr zulassen.
Wie selbstwertdienliche Verzerrungen den therapeutischen Prozess ausbremsen können
So hilfreich diese inneren Schutzmechanismen zunächst sind, können sie den therapeutischen Prozess zugleich spürbar verlangsamen. Das zeigt sich oft nicht als bewusster Widerstand, sondern eher als subtile Schieflage in der Art, wie Menschen über ihre Erfahrungen sprechen. Häufig beginnt es damit, dass die Verantwortung konsequent bei anderen verortet wird. Wenn Konflikte immer beim Partner, den Eltern oder Kolleginnen landen, bleibt kaum Raum, den eigenen Anteil zu erkunden. Wo keine Eigenverantwortung entsteht, bleibt auch Veränderung schwer erreichbar.
Andere Klientinnen und Klienten halten an starren Selbstgeschichten fest. Gemeint sind Erzählungen, die das eigene Leben scheinbar logisch erklären („Ich ziehe nun mal die falschen Menschen an“). Solche Narrative wirken stabilisierend, aber sie schließen neue Perspektiven aus, solange sie nicht behutsam hinterfragt werden (dürfen). Es gibt auch die sehr reflektierten Menschen, die viel Einsicht, aber wenig emotionale Berührung zeigen. Sie verstehen ihre Muster präzise, sprechen differenziert darüber. Im Kern bleiben sie dabei jedoch erstaunlich unbeteiligt. Die kognitive Distanz wirkt dann wie ein emotionaler Schutzwall, der tiefere Prozesse verhindert.
Denken und Fühlen “in Extremen”
Und schließlich kann die therapeutische Beziehung selbst verzerrt werden: Idealisiert der Klient den Therapeuten, bleibt das eigene Selbst klein und abhängig. Wertet er ihn ab, schützt das oft vor Scham oder vor dem Gefühl, sich einlassen zu müssen. Beides formt die Beziehung und beeinflusst, welche Schritte überhaupt möglich sind. In all diesen Situationen wäre es wenig hilfreich, Verzerrungen direkt aufzudecken oder „richtigzustellen“. Das würde den Schutz nur aktivieren. Entscheidend ist vielmehr, zu verstehen, welche Funktion hinter der jeweiligen Sichtweise steht.
Umgang mit selbstwertdienlicher Verzerrung in der Therapie
Der Umgang mit selbstwertdienlichen Verzerrungen erfordert Feinfühligkeit und Respekt vor dem inneren Gleichgewicht der Klientinnen und Klienten. Es geht nie darum, ihre Perspektive zu korrigieren, sondern ihnen nach und nach mehr innere Beweglichkeit zu ermöglichen. Zu Beginn steht Verständnis statt Konfrontation: Welche Bedrohung soll diese Sichtweise abwehren? Oft geht es um die Angst, abgewertet zu werden. Manchmal auch um die Scham, die noch nicht gut gehalten werden kann. Zentral ist auch, die zugrunde liegenden Gefühle ernst zu nehmen. Wenn Traurigkeit, Scham oder Angst Raum bekommen dürfen, verlieren die Verzerrungen allmählich ihren Job, sie müssen dann nicht länger schützen. Statt zu belehren oder zu widersprechen, können neue Perspektiven vorsichtig angeboten werden, etwa durch Fragen wie: „Wie könnte Ihr Gegenüber diese Situation erlebt haben?“ „Was glauben Sie, wie es der anderen Person in dem Moment ergangen ist?“ Solche Impulse laden zu Perspektivwechseln ein, ohne anzugreifen.
Mehrdeutigkeiten aushalten (lernen) in der Therapie
Ein weiterer Schritt ist, Ambivalenz auszuhalten: Ein stabiler Selbstwert entsteht genau dort, wo jemand sowohl eigene Stärken als auch eigene Schwächen sehen kann, ohne innerlich zu kippen. Dieser Prozess braucht Zeit und vielleicht auch „einige Schleifen“ in der Therapie bzw. dem Coaching. Und schließlich bietet die therapeutische Beziehung selbst einen wichtigen Erfahrungsraum: Wenn jemand erlebt, dass er mit Fehlern und Anteilen angenommen bleibt, verändert das oft mehr als jede kognitive Einsicht. Getragene Erfahrung wirkt stärker als Erklärung und Einsicht.
Zwischen Schutz und Sabotage: Was Verzerrungen wirklich leisten
Selbstwertdienliche Verzerrungen sind zutiefst menschlich. Sie schützen uns vor Überforderung, Scham und Selbstabwertung. Und um diese Themen geht es in der Therapie oft im Hintergrund. Die Verzerrungen sind nicht das Problem, sondern zunächst ein Schutz. Gleichzeitig können sie Entwicklung behindern, wenn sie zu starr werden und keine alternativen Sichtweisen mehr zulassen. Therapie bedeutet deshalb nicht, sie auszuschalten, sondern ihre Funktion zu verstehen, sie anzuerkennen und die innere Flexibilität zu stärken oder auszubauen. Dort, wo Menschen lernen, eigene Anteile wahrzunehmen, ohne sich dafür abzuwerten, kann stabiler Selbstwert entstehen, der auch „in den Stürmen des Lebens“ Orientierung und Sicherheit bieten kann.





