Schwierige Situationen in Coaching, Beratung und Therapie…

Inhalt

…und wie wir gekonnt mit ihnen umgehen.

Coaching, Beratung und Therapie sind spannende und hilfreiche Entwicklungsformate, wenn da nur diese Klient*innen nicht wären… 😉 Im Ernst: Vielleicht hast Du schon viel Erfahrung bei der professionellen Entwicklungsbegleitung von Menschen gesammelt. Oder Du stehst noch ganz am Anfang Deiner Tätigkeit oder interessierst Dich einfach dafür? In diesem Beitrag wollen wir schwierige Situationen in Coaching, Beratung und Therapie beleuchten. Diese tauchen meist in keinem “Lehrbuch” auf, sondern ergeben sich aus der praktischen Arbeit und einer reflektierenden Haltung von Fachpersonen. Doch nun Spannendes Lesen und vielleicht kennst Du das ein oder andere schon aus Deiner Tätigkeit?

Schwierige Situation: Verantwortungsabgabe – gerne möchte ich Veränderung, sehe aber “Probleme nur bei den Anderen”…

Im besten Falle kommen Menschen mit intrinsischer Entwicklungsbereitschaft in Deine Praxis und sind willens, Entwicklung bzw. Veränderung auch (selbst) mitzutragen. Bei der Abgabe von Verantwortung schildern Klient*innen ihr Thema bzw. ihr Leiden oft differenziert, reflektiert und emotional nachvollziehbar. Sie benennen klar, was alles schiefläuft, wer dazu beigetragen hat und warum die aktuelle Lage für sie kaum auszuhalten ist. Gleichzeitig zeigen Menschen mit Verantwortungsabgabe eine ausgeprägte und oft recht stabile Tendenz, jede Verantwortung für eigenes Erleben, Entscheiden oder Handeln außerhalb ihrer selbst zu verorten. Problematisch ist dabei nicht die Externalisierung an sich – diese kann in bestimmten Phasen entlastend oder stabilisierend wirken. Vielmehr ist es ihre Dauerhaftigkeit und Unbeweglichkeit. Jeder Versuch, Handlungsspielräume, Wahlmöglichkeiten oder Eigenanteile ins Gespräch zu bringen, wird abgewehrt, relativiert oder als Zumutung erlebt. Veränderung soll stattfinden, aber nicht durch eigenes Tun, sondern durch andere Personen, äußere Umstände oder implizit durch Therapeut*innen selbst. Die therapeutisch-beraterische Beziehung wirkt dabei oft kooperativ, höflich und sachlich.

Verantwortungsabgabe: Beispiel aus der Coaching-Praxis

Ein Klient kommt seit Monaten in die Beratung wegen massiver beruflicher Überlastung. Der Vorgesetzte sei unfähig, die Kolleg*innen rücksichtslos, das System grundsätzlich ausbeuterisch aufgestellt, so berichtet er. Gleichzeitig zeigt sich, dass er regelmäßig zusätzliche Aufgaben übernimmt, Konflikten ausweicht und eigene Grenzen nicht kommuniziert. Jeder Hinweis auf mögliche, “eigene Anteile” in den geschilderten Situationen werden zurückgewiesen: „Wenn ich mich ändere, werde ich nur noch mehr ausgenutzt. Das ist keine Option.“ Gleichzeitig formuliert er den Anspruch: „Sie müssen mir helfen, dass das endlich aufhört.“ Die Situation erscheint ausweglos. Welche Handlungsmöglichkeiten kann es hier geben?

Verantwortungsabgabe von Klient: Handlungsmöglichkeiten im Coaching

Hier dürfen wir sehr genau hinschauen, um nicht in ein “System von Hilflosigkeit” hineingewoben zu werden. „Sie sagen sehr klar, dass Sie Ihr eigenes Verhalten nicht verändern wollen. Gleichzeitig erwarten Sie von mir, dass ich Ihnen helfe, dass diese Situation aufhört. Wie kann das Ihrer Meinung nach funktionieren? Diese Intervention ist bewusst unterbrechend. Sie zielt auf eine mögliche Realitätsprüfung, die ebenfalls Gegenstand einer gemeinsamen Auftragsklärung sein kann. Möchte der Klient vielleicht gar keine Veränderung, sondern sich einfach nur “nach Herzenslust” klagen und jammern, ohne dass ihn dafür jemand maßregelt?

Schwierige Situation in Coaching und Therapie: Massive Wertkonflikte

Im zweiten Beispiel dieses Beitrags geht es um persönliche und moralische Grenzen. Das Handeln von Berater*innen und Therapeut*innen sollte immer in einen ganz persönlichen Bezugsrahmen eingebettet sein, der das eigene Handeln verantwortbar macht. Grundsätzlich wollen wir den Überzeugungen und Handlungsweisen unserer Klient*innen offen und neutral gegenübertreten: Handeln gibt aus der individuellen Sicht von Menschen immer Sinn! Doch was, wenn dieses Handeln völlig Deinen eigenen Wertvorstellungen oder Überzeugungen entgegensteht? Welche Konsequenzen können sich ergeben, wenn grundlegende soziale oder kulturelle Grenzen im Agieren von anderen Menschen tangiert oder verletzt werden?

Beispiel für Wertkonflikte in Coaching und Therapie

Ein Klient beschreibt wiederholt, wie er seine Partnerin kontrolliert, emotional unter Druck setzt und gezielt verunsichert. Er spricht darüber nüchtern, teilweise stolz, und erwartet Unterstützung dabei, „sich besser durchzusetzen“. Diese Situation (Wertkonflikt) entsteht, wenn Klient*innen Haltungen vertreten oder Handlungen schildern, die in deutlichem Widerspruch zu den ethischen, professionellen oder persönlichen Grundüberzeugungen der Fachperson stehen. Dazu gehören etwa die Legitimation von Gewalt, massive Abwertung anderer Menschen, fehlende Empathie für Leid oder das bewusste Überschreiten grundlegender sozialer Grenzen.

Massive Wertekonflikte: Handlungsmöglichkeiten in Coaching und Therapie

Hier war es wichtig, dem Klienten das eigene Verhalten zu spiegeln. Wie geht es ihrer Partnerin, wenn sie diese unter Druck setzen oder gezielt verunsichern? Auf welchem Fundament fußt ihre gemeinsame Beziehung? Wo und wie sehen sie ihre gemeinsame Beziehung in zwei oder drei Jahren?

Hier kann die eigene Professionalität selbst unter Druck geraten: Wir als Fachpersonen müssen (zuerst für uns selbst) klären, ob wir unter diesen Voraussetzungen weiterarbeiten wollen und können. Immer sollten wir die eigene emotionale Reaktion ernst nehmen und uns klar und transparent bezogen auf den Arbeitsrahmen positionieren. „Was Sie beschreiben, ist für mich eine Form von Gewalt. Das kann ich hier nicht als legitime Strategie unterstützen.“ Diese Positionierung kann ein wichtiger Leuchtturm für Betroffene sein. Sind grundlegende Werte dauerhaft verletzt und eine gemeinsame Arbeitsbasis sind verletzt, sollte die Zusammenarbeit konsequenterweise beendet werden.

Schwierige Situation: Der Therapieprozess läuft, ist aber eigentlich “tot”…

Die dritte Situation in diesem Beitrag schildert einen Anlass, der in meiner Praxis ebenfalls hin- und wieder vorkommt und den Praxis-Profis ganz sicher kennen. Die Klientin erscheint zuverlässig zu jeder Sitzung. Sie ist pünktlich, freundlich, reflektiert, spricht ruhig und strukturiert über ihre Themen. Sie kann ihr Problem differenziert beschreiben, nutzt fachlich klingende Begriffe und bezieht sich auf frühere Sitzungen. Auf den ersten Blick wirkt der Prozess stabil und kooperativ, aber nur vordergründig. Denn gleichzeitig passiert – nichts. Es gibt keine erkennbaren Entwicklungen im Alltag, keine neuen Erfahrungen. Mögliche Schritte werden entweder nicht umgesetzt oder im nächsten Termin so berichtet, dass sie faktisch wirkungslos bleiben. Rückmeldungen lauten etwa: „Ich habe viel darüber nachgedacht.“ Es war interessant, das noch einmal zu reflektieren.“ Und genau so langweilig ist bald auch die Therapiestunde mit der Klientin. Diese Situation ist deshalb so anspruchsvoll, weil alle äußeren Marker professioneller Zusammenarbeit (scheinbar) erfüllt sind. Es gibt zumindest explizite Entwicklungsbereitschaft von Seiten der Klientin. Dennoch begibt sie sich nicht wirklich emotional in ein neues “Erfahrungsfeld”. Sie denkt über ihre Gefühle nach, statt sie wirklich zu fühlen oder an sich heranzulassen. Sie wirkt kognitiv hellwach, der Entwicklungsprozess bleibt dennoch einseitig und sie kommt mit ihrem Thema nicht wirklich weiter.

Wirkungsloser Entwicklungsprozess: Handlungsmöglichkeiten in Coaching und Therapie

Statt ein “immer weiter so”, war hier Metakommunikation hilfreich. Gemeint ist hier “Kommunikation über Kommunikation”. „Wir arbeiten jetzt schon eine Weile zusammen. Ich erlebe unsere Gespräche als reflektiert. Gleichzeitig sehe ich kaum Veränderung außerhalb dieses Raums. Wie erleben Sie das?“

Natürlich gibt es noch wesentlich mehr Situationen in Coaching, Beratung und Therapie, die knifflig sein können. Sehr hilfreich ist es, wenn Du in einer Gruppe Intervision betreiben kannst. Oder Du hast regelmäßige Supervision einzeln oder in einer Gruppe? An was denkst Du spontan, wenn Du an eine Herausforderung in der Therapiepraxis denkst? Welch(e) schwierige Situation(en) hast Du selbst schon in Coaching, Beratung oder Therapie gemeistert? Schreibe gerne unten in die Kommentare.

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