Verdeckte Aufträge in Coaching und Therapie – „Eiertanz“ zwischen Anliegen und Agenda?

Verdeckte Aufträge in Coaching und Therapie, was kann man machen?

Inhalt

Beispiele und Lösungsansätze für ein weit verbreitetes Phänomen

In Coaching und Psychotherapie wird häufig davon ausgegangen, dass ein Auftrag klar formuliert ist: Eine Klientin oder ein Klient kommt mit einem Anliegen, dieses wird gemeinsam geklärt und daraus entsteht ein Arbeitsauftrag, das ist erst einmal nichts neues und vielleicht auch für Dich zum Beispiel in der Heilpraktikerpraxis ein „alter Hut“.  In der Praxis zeigt sich jedoch oft ein komplexeres Bild: Neben dem expliziten Auftrag, also dem, der ausgesprochen und vielleicht auch verschriftlicht wird, existieren nicht selten verdeckte Aufträge. Damit gemeint sind implizite Erwartungen, unausgesprochene Ziele oder Interessen Dritter, die den Beratungsprozess (entscheidend) beeinflussen können. Für Deine Praxis in Coaching oder Therapie und auch für den Blick auf Deine Arbeit, kann es entscheidend sein, diese Dynamiken zu (er-) kennen und transparent damit umzugehen. In diesem Beitrag präsentiere ich Dir verschiedene Arten von (verdeckten) Aufträgen und mögliche Lösungsansätze bzw. Ideen zum Umgang.

Was sind verdeckte Aufträge in Coaching oder Therapie?

Ein verdeckter Auftrag liegt vor, wenn das tatsächlich gewünschte Ergebnis eines Beratungsprozesses nicht offen ausgesprochen wird oder wenn verschiedene Beteiligte unterschiedliche Erwartungen an das Setting haben. Diese Diskrepanz kann zwischen explizitem Anliegen und implizitem Ziel bestehen oder aber zwischen verschiedenen Auftraggebern, wenn zum Beispiel noch eine Institution wie ein Unternehmen mit am Beratungsprozess beteilig ist. In der Systemtheorie und im Kontext der Systemischen Therapie wird dabei häufig zwischen mehreren Ebenen unterschieden:

Der offizielle Auftrag:
Das Anliegen, das im Erstgespräch formuliert wird.  Der Klient äußert zum Beispiel „Ich habe einen sehr stressigen Job und möchte lernen, besser mit Stress umzugehen.“

Der implizite Auftrag des Klienten: Ein persönliches Ziel, das nicht offen ausgesprochen wird. Beispiel: „Eigentlich möchte  ich herausfinden, ob ich meinen Job kündigen sollte“.

Verdeckte Aufträge entstehen häufig nicht aus bewusster Täuschung, sondern aus Scham, Loyalitätskonflikten, Angst vor Konsequenzen oder mangelnder Klarheit über die eigenen Ziele.

Der „rote Hering“ in Coaching und Therapie

Im Coaching bezeichnet der Begriff „roter Hering“ (Red Herring) ein Ablenkungsphänomen, bei dem Klienten oder auch Coaches unbewusst vom eigentlichen Thema wegführen. Oft entsteht dies, wenn ein emotional belastendes oder konfliktträchtiges Thema auftaucht und stattdessen über weniger relevante, aber leichter zu besprechende Inhalte gesprochen wird.

Der rote Hering kann sowohl ein Schutzmechanismus als auch eine unbewusste Gesprächsstrategie sein, um kognitive oder emotionale Dissonanz (gemeint sind innere Spannungszustände) zu vermeiden. Im Coaching oder in der Therapie ist es wichtig, solche Ablenkungen freundlich, aber klar zu erkennen und behutsam zum Kernanliegen zurückzuführen. Dabei helfen gezielte Fragen, Zusammenfassungen oder das Spiegeln von Aussagen, um Fokus und Tiefenarbeit zu unterstützen. Gleichzeitig sollte nicht jede Abweichung sofort als „Widerstand“ interpretiert werden, hier dürfen wir auch mal „fünf gerade“ sein lassen. Das bewusste Arbeiten an oder mit „unbewussten Ablenkungsmanövern“ stärkt oft die Zielorientierung und die Arbeitsbeziehung und sollte vor allem dann erfolgen, wenn Menschen in Coaching oder Therapie bereit sind, mitzugehen.

Typische Konstellationen verdeckter Aufträge

In Coaching und Therapie lassen sich einige typische Muster beobachten.

1. Der Delegationsauftrag

In therapeutischen Kontexten kommen Klientinnen oder Klienten manchmal nicht aus eigener Motivation, sondern weil andere sie geschickt haben – etwa Partner, Eltern oder Arbeitgeber.

Beispiel: „Meine Partnerin meint, ich brauche Therapie.“

Der explizite Auftrag lautet dann vielleicht: „Ich möchte lernen, besser zuzuhören.“
Der implizite Auftrag der delegierenden Person könnte jedoch sein: „Der Coach soll ihn verändern, dass er (wieder) zu mir passt. Hier besteht die Gefahr, dass der Prozess unbewusst zur Intervention im Auftrag Dritter wird.

Möglicher Lösungsansatz:

„Einmal angenommen, Sie würden besser zuhören können, wer würde am meisten davon profitieren?“

2. Der Loyalitätsauftrag

In Familienkontexten kann ein verdeckter Auftrag darin bestehen, bestehende Beziehungsmuster nicht zu gefährden. Eine Klientin sucht beispielsweise Unterstützung wegen Erschöpfung und möchte mit dem Familienstress besser umgehen können. Ohne jedoch auszusprechen, dass die Belastung aus einer konflikthaften Partnerschaft resultiert.

Der unausgesprochene Auftrag lautet dann möglicherweise: „Hilf mir, mit der Situation besser zurechtzukommen, aber stelle die Beziehung zu meinem Partner nicht infrage.“

Möglicher Lösungsansatz:

„Was stresst Sie derzeit am meisten? Am zweitmeisten?

3. Der Selbstschutzauftrag

Ein Klient kommt ins Coaching mit dem Anliegen: „Ich möchte mein Zeitmanagement verbessern, da ich meine Aufgaben einfach nicht effizient genug schaffe.“

Expliziter Auftrag: Effektiver arbeiten, Prioritäten besser setzen, Produktivität steigern!

Was sich im Prozess zeigt: Im Gespräch wird deutlich, dass der Klient regelmäßig Aufgaben von Vorgesetzten annimmt, auch wenn sein Arbeitsplan bereits voll ist. Er beschreibt ein starkes Unbehagen, wenn er Aufgaben ablehnt.

Impliziter Auftrag: Helfen Sie mir, gute Grenzen zu setzen. Ich möchte diese ohne schlechtes Gewissen kommunizieren können.

Hinweise auf verdeckte Aufträge in der Coaching- und Therapiepraxis

Wie kannst Du in Deiner Praxis Hinweise auf verdeckte Aufträge wahrnehmen?

  • Unklare oder vage Zielbeschreibungen: Klient*innen „eiern herum“, wenn es darum geht, konkret zu benennen, warum sie in das Coaching oder in die Therapie gekommen sind.
  • Widersprüche zwischen Worten und Verhalten: Eine Klientin sagt: „Ich möchte mich in Beziehungen besser abgrenzen.“ Im Verhalten zeigt sie jedoch, dass sie auf Nachrichten des Partners sofort antwortet oder sich häufig entschuldigt, wenn sie (scheinbar) etwas verkehrt machte.
  • Themensprung bei emotionaler Nähe: Wenn das Gespräch persönlicher oder emotional dichter wird, wechselt der Klient zu banalen Alltagsdetails oder organisatorischen Fragen oder „rationalen“ Ausflüchten.

Wichtig: Die hier genannten Ausführungen sollen kein „Beleg für verdeckte Aufträge“ sein. Im Kontext von Coaching und Therapie können das aber Hypothesen sein, die wir stets sorgfältig (und empathisch) prüfen dürfen. Es geht also nicht um „feststehende Diagnosen“ (aha, so einer ist er…) sondern eher um das „Prüfen eines Möglichkeitenraumes“.

Professionelle Strategien im Umgang – um was geht es wirklich?

Professionelle Strategien im Umgang mit solchen Prozessdynamiken zielen darauf ab, die eigentliche Bedeutungsebene hinter dem präsentierten Anliegen gemeinsam mit Klient*innen zu explorieren, ohne vorschnelle Interpretationen zu setzen. Zentrale Haltung ist dabei eine neugierige, hypothesengeleitete Arbeitsweise, bei der die Prozessbegleitung die eigenen Beobachtungen transparent macht und zur Überprüfung anbietet, statt sie als Wahrheit zu definieren. Häufig geht es weniger um die Lösung des oberflächlich formulierten Problems, sondern um die Frage, welche Bedürfnisse, Ängste, Werte oder Beziehungsmuster sich im Hintergrund zeigen. Techniken wie zirkuläres Fragen, das Spiegeln von Prozessmustern oder das Arbeiten mit Skalierungsfragen können dabei helfen, die implizite Ebene zugänglich zu machen.

„Herumdoktern“ an Äußerlichkeiten?

Im Kern steht die Frage: Was würde sich für Klient*innen wirklich verändern, wenn das präsentierte Problem nicht mehr da wäre? Oft zeigt sich, dass hinter Themen wie Effizienz, Leistung oder Organisation tiefere Motive liegen, etwa nach Anerkennung, Sicherheit, Autonomie oder emotionaler Zugehörigkeit. Professionelles Arbeiten bedeutet daher für mich auch, Spannungen zwischen explizitem Auftrag und beobachtetem Prozess respektvoll auszuhalten und als Informationsquelle für die weitere, gemeinsame Arbeit zu nutzen. So kann ein Raum entstehen, in dem Entwicklung bzw. Veränderung aus innerer Klarheit statt aus äußerem Optimierungsdruck heraus entstehen kann.

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