Warum Selbstwert zu den zentralen Wirkfaktoren gehört – und wie Du praktisch damit in Psychotherapie und Coaching arbeiten kannst.
Der Begriff Selbstwert klingt zunächst alltäglich, fast banal. Doch in der psychotherapeutischen Praxis zeigt sich schnell: Der Selbstwert gehört zu den tiefsten, sensibelsten und zugleich wirksamsten Hebeln, die wir in Veränderungsprozessen kennen. In diesem Beitrag möchte ich die Bedeutung des Selbstwerts herausarbeiten, seine praktischen Auswirkungen auf psychische Erkrankung beleuchten und Impulse für Deine praktische Arbeit in der Heilpraktikerpraxis für Psychotherapie aufzeigen, um Menschen im Selbstwert zu stärken.
Was ist Selbstwert?
Selbstwert lässt sich als die Beschreibung des “Gesamterlebens des eigenen Selbstes” beschreiben. Diese Beschreibung umfasst Körper, Geist und Seele. Der Begriff “Seele” erscheint in der Beschreibung manchmal “unscharf”. Deswegen nehmen wir als Beschreibung die Begrifflichkeit “Psyche”. Umgangssprachlich könnten wir auch sagen: “Wie ist mein Blick auf mich?” Oder anders gesagt: “Wer bin ich?” (Oder was glaube ich, wer ich bin…). Gemeint ist hier, das persönliche Gefühl für den eigenen Wert.
Welchen Einfluss hat der Selbstwert auf unsere Psyche?
Selbstwert(-erleben) hat einen Einfluss auf nahezu jede psychische Erkrankung. Seien es Depressionen, Angststörungen, Traumafolgen oder psychosomatische Beschwerden. Ein niedriger Selbstwert kommt häufig durch ein “verzerrtes Selbstbild” zustande. Dieses kann entstehen, wenn sich Menschen nicht in “realistischer Weise” wahrnehmen sondern durch “negative Filter” wie unpassende Überzeugungen über sich selbst (zum Beispiel Perfektionismus, unrealistische Leistungsansprüche), belastanden Beziehungsmustern (Konflikte) oder den einseitig gefärbten Blick auf Defizite (schon wieder falsch gemacht…) oder Unzulänglichkeiten.
Selbstwertprobleme und psychische Erkrankungen
Manchmal lassen sich typische “Selbstwertmuster” bei psychischen Erkrankungen identifizieren. Die Beispiele aus der therapeutischen Praxis sollen keineswegs generalisierend oder erschöpfend sein.
Depression: Betroffene interpretieren Fehler als Beweis für mangelnden Wert und können positive Rückmeldungen kaum annehmen. Der Selbstwert ist meist niedrig, rigide und stark negativ verzerrt (bin nicht wert, dass mich jemand mag oder liebt). Es kann ein stabiles aber nicht zutreffendes (stark defizitäres) Bild über sich selbst entstehen, welches das Gefühl, sich selbst als wertig zu sehen, erheblich beeinträchtigen kann.
Angststörungen: Hier zeigt sich der Selbstwert häufig als fragil und stark leistungs- oder sicherheitsorientiert. Menschen mit Ängsten neigen dazu, sich selbst nur dann akzeptabel zu fühlen, wenn sie alles kontrollieren können, keine Fehler machen oder alle Erwartungen von anderen erfüllen. Sobald “Unsicherheit” entsteht, kann der Selbstwert (der häufig an Leistung gekoppelt ist) schnell einbrechen.
Psychosomatik: In psychosomatischen Störungsbildern ist der Selbstwert oft abhängig von Funktionieren, Anpassung und Fürsorge für andere. Betroffene stellen eigene Bedürfnisse zurück, um Anerkennung oder Harmonie zu sichern. Sie erleben sich nur dann als wertvoll, wenn sie etwas leisten oder zumindest nicht „zur Last fallen“. Betroffene sind schnell überangepasst und wenig verbunden mit eigenen Grenzen und innerer Stimmigkeit.
Gleichzeitig prägt der Selbstwert den therapeutischen Prozess und gilt als bedeutender Faktor in der Gesunderhaltung und der Gesundung von Menschen. Dieser Umstand ist auch durch verschiedene wissenschaftliche Publiktionen zum Thema Selbstwert gut erforscht und belegt.
Wie entsteht Selbstwert bzw. Selbstwerterleben?
Selbstwert entsteht aus dem Zusammenspiel von inneren Erfahrungen und sozialen Rückmeldungen. Zentral ist die Frage, wie Menschen sich selbst sehen– basierend auf ihrem Selbstkonzept, früher Bindungserfahrungen (mit wichtigen Bezugspersonen) und internalisierten Normen: Was habe ich (von anderen über mich) gelernt, wer oder der was ich bin? Wie habe ich wahrgenommen, wie andere mich sehen, mich rufen, mit mir sprechen und mich behandeln?
Besonders prägend sind frühe Beziehungserfahrungen. Wertschätzung, emotionale Verfügbarkeit und (verhaltensbezogenes!) Feedback durch Bezugspersonen fördern ein Gefühl grundlegender Selbstakzeptanz in uns Menschen. So macht es für Menschen einen grundlegenden Unterschied, ob (ständig) gesagt (oder gemeint wird): “Dein Verhalten, dass du ständig deine Schwester ärgerst möchte ich nicht, hör bitte auf damit. Oder aber: “Du kannst nichts richtig machen, alles muss man dir sagen”.
Später wirken Erfolgs‐ und Misserfolgserlebnisse und der Umgang damit, soziale Zugehörigkeit zu Gruppen und das Erleben von Selbstwirksamkeit (ich kann etwas tun und schaffe es, auch wenn es mal schwierig wird). Auch gesellschaftliche und kulturelle Bewertungsmaßstäbe können stark beeinflussen, woraus Menschen ihren Wert ableiten. Selbstwert ist somit kein statisches Merkmal, sondern ein fortlaufender Prozess der Selbstbeziehung. Er spiegelt, wie Menschen ihr eigenes Sein erleben, bewerten und schützen.
Beispiel für niedrigen Selbstwert in der Therapie
Die 42-jährige Klientin kommt in die Therapiepraxis und leidet nach eigenen Aussagen darunter, das mit ihr “etwas nicht stimmt”. Tatsächlich zeigt sie Anzeichen einer depressiven Verstimmung und erzählt weiter, dass sie in Teammeetings keine Ideen äußert, obwohl sie fachlich kompetent ist. Sie befürchtet, „etwas Dummes zu sagen“ und wertet sich vorsorglich ab („Ich bin nicht gut genug“, „Die anderen sind besser“). Von den anderen im Team geäußerte Kritik löst sehr schnell starke Verunsicherung in ihr aus. In der Therapie wirkt sie sehr angepasst und hat große Mühe zu artikulieren, was sie selbst für sich möchte.
Beispiel für stabilen Selbstwert in der Therapie
Der 36-jährige Klient kommt aufgrund einer Paarproblematik und eines Trennungskonfliktes in das Coaching. Auf Nachfrage, wie er sich selbst in kommunikativen Situationen erlebt beschreibt er, dass er konstruktives Feedback seines Teams nutzen kann, ohne sich angegriffen zu fühlen. Da es im Team immer mal wieder „Spannungen unter dem Teppich“ gab, hatte er seiner Führungskraft vor etwa sechs Monaten vorgeschlagen, konstruktive Rückmelderegeln einzuführen. Er fühlt sich grundsätzlich wertvoll und kompetent, auch wenn er Fehler macht oder etwas nicht sofort gelingt. In der Therapie zeigt er Offenheit, Selbstreflexion und die Fähigkeit, Verantwortung für schwierige Gefühle zu übernehmen, auch wenn ihm das nach seiner Aussage nicht immer gut gelingt. Rückmeldungen von außen beeinflussen ihn, aber sie erschüttern nicht seine grundlegende Selbstakzeptanz.
Kann man Selbstwert lernen?
Die klare und einfache Botschaft: Ja! Selbstwert ist veränderbar und kann entwickelt werden. Obwohl frühe Erfahrungen prägen, kann Selbstwert durch neue Beziehungserfahrungen (auch die in der Therapie!), korrigierende Rückmeldungen oder Reflexion (hätte das anderen vielleicht auch passieren können?), Selbstmitgefühl (was würde ihr bester Freund jetzt zu ihnen sagen?) und Stärkung von Kompetenzerleben (was können Sie gut?) wachsen. Entscheidend ist, die eigenen Bewertungsmaßstäbe zu reflektieren: Worauf stütze ich meinen Wert? Welche Vorbilder hatte ich im Thema Selbstwert? Wie ist mein persönlich Blick auf Selbstwert, verwechsle ich es vielleicht mit „Egoismus“ und „Ellenbogenmentalität“ und lehne es deshalb (insgeheim) ab?
Menschen können lernen, Selbstwert weniger von äußeren Erfolgen oder Anerkennung abhängig zu machen und stattdessen eine stabile, innere Wertgrundlage zu entwickeln. Dabei tun sie ganz aktiv etwas für ihre persönliche Resilienz, ihre Widerstandskraft für zukünftige Herausforderungen. Therapeutische Prozesse – insbesondere solche, die sichere Bindungserfahrungen ermöglichen – können diesen Entwicklungsweg unterstützen. Selbstwert „lernen“ bedeutet daher, die eigene (positive) Selbstbeziehung aktiv zu formen.
Selbstwertaufbau in der Therapie: So kannst Du Deinen Klient*innen helfen
Selbstwertaufbau in der Therapie kann besonders dann gelingen, wenn die therapeutische Beziehung selbst zur Intervention wird: Ein sicherer, wertschätzender Kontakt bietet die Grundlage für korrigierende Beziehungserfahrungen für Deine Klient*innen. Ergänzend dazu kann die Arbeit an inneren Anteilen helfen, abgewertete, abgelehnte oder verletzte Selbstanteile wieder zu integrieren. Anstatt Bestätigung immer im Außen zu suchen, wagen wir damit den Blick nach innen und können uns in diesem Fall mit Selbstmitgefühl selbst helfen. Hilfreich kann auch ein freundlich-realistischer Umgang mit eigenen Grenzen sein. Ein wichtiger Punkt beim Aufbau von Selbstwert ist häufig, diesen nicht nur über kognitive Strategien zu lernen sondern emotional erfahrbar zu machen. Schlussendlich stärkt das Erleben von Selbstwirksamkeit (ich kann etwas tun, verändern, gestalten…) durch realistische Handlungsschritte ein stabiles, von innen getrages Selbstwerterleben für Deine Klient*innen.
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