„Also, Sie haben eine generalisierte Angststörung, mit Angst und Anteilen einer Depression!“ Aaaaha! Vielleicht ist es Dir auch schon einmal so beim Besuch des Hausarztes ergangen: Du schilderst Deine Symptomatik und der Arzt schaut betriebsam in seinen Bildschirm und sagt Dir dann, was Du hast…
Solche oder ähnliche Erfahrungen hatten oder haben viele Menschen in der ärztlichen Praxis. Ganz erwartungsvoll geht man dorthin, schildert unter Anspannung seine Symptome und geht dann „noch betroffener“ aus der Praxis heraus. Vielleicht auch, um erst einmal zu entschlüsseln oder sich bei „Dr. Google“ kundig zu machen, was man selbst eigentlich hat…
In diesem Beitrag möchte ich den Sinn bzw. Unsinn von Diagnosen in der Heilpraktikerpraxis näher beleuchten. Gerade am Beginn der eigenen Tätigkeit sind viele noch unsicher, wie mit Diagnosen bzw. Diagnostik umgegangen werden soll. Sind Diagnosen für die Menschen in meiner Praxis tatsächlich (immer) hilfreich? Braucht es stets eine ganz genaue Einschätzung, was jemand „eigentlich“ hat? Können Diagnosen manchmal vielleicht sogar hinderlich sein beim Verständnis für sich selbst und seines augenblicklichen Zustandes?
Diagnosen als Modell und Komplexitätsreduktion
Diagnosen sind strukturierte Beschreibungen von Diagnosemanualen (zum Beispiel ICD 10, ICD 11) eines bestimmten Zustandes von Menschen, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Nämlich zum Zeitpunkt einer Diagnosestellung. Diese Einschätzung trifft eine Person, die dazu (hoffentlich) in der Lage ist. Diagnosen bündeln typische Muster von Erleben und Verhalten und machen sie kommunizierbar. Das ist ihr Nutzen. Gleichzeitig reduzieren sie Komplexität. Sie lassen weg, gewichten, ordnen. Scheint ja erstmal ganz gut zu klingen. Problematisch kann es allerdings sein, wenn aus einem Modell eine Wirklichkeitsaussage wird. Dann verschiebt sich etwas Entscheidendes: Die Diagnose beschreibt nicht mehr nur – sie definiert. Gerade in einer Heilpraktiker Psychotherapie Praxis zeigt sich oft, wie begrenzt diagnostische Kategorien sein können. Biografische Dynamiken, Beziehungserfahrungen und individuelle Bedeutungen lassen sich nur bedingt in standardisierte Raster übersetzen. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist vielleicht nicht: Stimmt die Diagnose? Sondern: Was leistet sie, was verdeckt sie gleichzeitig?
Entlastungsdiagnosen: Struktur statt Selbstvorwurf
Endlich weiß ich, was ich hab! Diagnosen können entlastend wirken, keine Frage. Es ist ein ganz besonderes Grundbedürfnis nach Orientierung/Kontrolle, sich selbst zu verstehen. Und dazu kann eine Zustandsbeschreibung im Rahmen einer Diagnostik viel helfen. Unklare oder widersprüchliche Erfahrungen werden in einen Zusammenhang gebracht. Das verändert die Perspektive: weg von personalisierten Defizitzuschreibungen hin zu beschreibbaren Mustern. Vielleicht auch nicht mehr: „Ich bin das Problem.“ Sondern: „Es gibt ein Muster, das beschreibbar und klassifizierbar ist. Ich bin jemand, für den gibt es eine Beschreibung, nämlich die F 41.2 (um bei unserem Beispiel zu bleiben).“
Diese Verschiebung könnte für die Betroffenen eine sehr große Bedeutung haben und vor allem eins: entlastend sein. Nicht selten würde man auch von „Entlastungsdiagnosen“ sprechen:
Selbstzuschreibungen könnten sich relativieren
Betroffene könnten erkennen, dass belastende Eigenschaften oder Schwierigkeiten nicht allein „ihre Schuld“ seien. Das könnte Selbstvorwürfe reduzieren und ein ausgewogeneres Selbstbild fördern (Aha, das liegt an der Angststörung, die ich habe…)
Erfahrungen könnten kohärenter werden
Erlebnisse, die vorher fragmentiert oder widersprüchlich erschienen, ließen sich in einen nachvollziehbaren Zusammenhang bringen. Das könnte Verständnis für eigene Reaktionen und emotionale Muster schaffen (Ok, so also bin ich…)
Interventionen könnten anschlussfähiger werden
Therapeutische oder beratende Maßnahmen könnten gezielter eingesetzt werden, weil die neuen Perspektiven die Anschlussfähigkeit für weitere Schritte erhöhen würden. Dies könnte die Umsetzung von Handlungsstrategien im Alltag erleichtern (Ich brauche jetzt Hilfe gegen die Angststörung, zum Beispiel Tabletten oder anderes…)
Kommunikation könnte präziser werden
Durch die neue Sichtweise könnten Betroffene klarer und differenzierter ausdrücken, was sie erlebt haben oder benötigen. Das könnte sowohl den Austausch mit Fachkräften als auch im persönlichen Umfeld verbessern (Ich habe eine Angststörung, was kann da noch helfen, außer Tabletten?)
Verantwortung könnte neu verteilt werden
Belastungen müssten nicht mehr ausschließlich von der Person getragen werden; familiäre, soziale oder systemische Faktoren könnten stärker anerkannt werden. Das könnte emotional entlasten und Raum für konstruktive Lösungen schaffen (Weiß noch jemand, was gegen Ängste helfen kann?)
Motivation für Veränderung könnte steigen
Wenn die eigene Situation verständlicher würde und Selbstvorwürfe abnähmen, könnte ein stärkerer Antrieb entstehen, neue Strategien auszuprobieren oder Herausforderungen aktiv anzugehen (Ich bin jetzt einer Selbsthilfegruppe beigetreten, wo man sich trifft und über die Ängste spricht).
Eine wichtige Frage in der Heilpraktikerpraxis für Psychotherapie kann sein: Erweitert diese Diagnose das Verständnis von Personen, oder ersetzt sie es durch ein Etikett?
Belastungsdiagnosen: Wenn Beschreibung zur Identität wird
Die Kehrseite von Diagnosen scheint ebenso relevant. Diagnosen werden dann belastend, wenn sie ihre Modellfunktion verlieren und zu Identitätsaussagen werden.
Aus „Das beschreibt mein aktuelles Erleben“ wird: „Das bin ich.“
Reduktion von Komplexität auf ein Label:
Erfahrungen, Probleme oder Verhaltensweisen könnten auf ein einzelnes Etikett reduziert werden. Dies könnte dazu führen, dass Nuancen übersehen werden und die individuelle Lebensrealität der Betroffenen verkürzt oder vereinfacht dargestellt würde (Ich bin jetzt „angstgestört…).
Implizite Annahmen von Stabilität:
Es könnte angenommen werden, dass bestimmte Eigenschaften oder Schwierigkeiten unveränderlich seien. Diese Annahme könnte Erwartungen an Entwicklung oder Veränderung einschränken und die Perspektive auf mögliche Lösungen verengen (Das bleibt so…).
Übernahme gesellschaftlicher Zuschreibungen
Betroffene oder ihr Umfeld könnten unbewusst gesellschaftliche Normen und Vorurteile übernehmen. Dies könnte dazu führen, dass bestimmte Verhaltensweisen pathologisiert oder bestimmte Rollen zugewiesen würden, unabhängig von der individuellen Situation (So ist jemand, der eine Angststörung hat…).
Eingeschränkte Erwartung an Veränderung
Es könnte die Vorstellung entstehen, dass sich Betroffene kaum verändern könnten. Dies könnte die Motivation zu neuen Handlungsweisen verringern und die Bereitschaft für therapeutische oder beratende Interventionen limitieren (Ich habe gelesen, dass soll sehr hartnäckig sein und schlecht weg gehen…).
Fokussierung auf Defizite statt Ressourcen
Aufmerksamkeit könnte stärker auf Schwächen oder Probleme gerichtet werden, während vorhandene Stärken und Bewältigungsstrategien weniger berücksichtigt würden. Dies könnte das Gefühl von Selbstwirksamkeit vermindern (Das kann ich nicht, weil ich ja meine Angststörung habe…).
Verstärkung von Stigmatisierung
Durch die Konzentration auf Labels oder gesellschaftliche Zuschreibungen könnte die Gefahr bestehen, dass Betroffene stigmatisiert oder marginalisiert würden. Dies könnte ihr soziales Umfeld beeinflussen und emotionale Belastungen erhöhen (Jemand der eine Angststörung hat, ist automatisch weniger belastbar, ich bin außerdem krank…).
Verkürzte Narrative über die eigene Identität
Die Betroffenen könnten beginnen, sich primär über die diagnostische Zuschreibung zu definieren. Dies könnte die Vielfalt ihrer Erfahrungen und Rollen im Alltag weniger sichtbar machen und die Selbstwahrnehmung einengen (Ich bin an einer Angststörung erkrankt, was das heißt, weiß man ja…).
Die Diagnose kann dann unter Umständen die eigene Wahrnehmung strukturieren, aber auch im sozialen oder gesellschaftlichen Umfeld Zuschreibungen auslösen, die der Komplexität einer Person niemals gerecht werden können. Eine wichtige Frage hierzu kann leiten: Beschreibt die Diagnose das Erleben von Menschen, oder begrenzt sie dieses?
Eine Diagnose, unterschiedliche Wirkung: zwei Fallbeispiele
Frau M. leidet unter vielerlei diffusen Ängsten, jetzt bereits viele Monate. Sie erhält die Diagnose „Angststörung mit depressiver Reaktion. Diese erlebt sie als Festlegung: Sie nimmt an, dass ihre Ängste unveränderlich sind, ihre Erfahrungen werden auf ein Label reduziert, und gesellschaftliche Zuschreibungen verstärken die Stigmatisierung. Frau M. zieht sich zurück, vermeidet herausfordernde Situationen, probiert kaum neue Strategien aus und verliert sich in Selbstvorwürfen. Ihre Erwartungen an Veränderung und ihre Selbstwirksamkeit bleiben stark eingeschränkt. Medikamente helfen ihr, sich stabiler und sicherer zu fühlen.
Frau S. leidet ebenfalls unter vielerlei diffusen Ängsten und weiß nicht, was sie hat. In der Therapie wird die gleiche Diagnose wie bei Frau M. gestellt. „Jetzt hat das Kind endlich einen Namen“, sagt sie. In der Therapie kann sie erkennen, dass die Ängste nicht gleich sind sondern oft in solchen Zeiten stark sind, in denen sie gestresst ist und wenig Zeit hat für sich selbst. Außerdem gibt es einen inneren Konflikt (darf ich gut für mich sorgen), den sie mit Hilfe ihrer Therapeutin bearbeitet und für sich lösen kann.
Diagnosen als Momentaufnahme in der Heilpraktikerpraxis für Psychotherapie
Sicher erfüllen Diagnosen wichtige Funktionen. Sie ermöglichen eine Einschätzung eines Beschwerdebildes, helfen bei der Kommunikation von Fachpersonen und ermöglichen auch die Abrechenbarkeit von Hilfeleistungen im Gesundheitssystem (und noch einiges mehr).
In diesem Beitrag ging es um das Thema aus Sicht von Patient*innen. So stellen Diagnosen immer eine Momentaufnahme dar und erfassen einen bestimmten Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie geben Hinweise auf Muster, Schwierigkeiten oder Defizite, ersetzen jedoch nicht die Komplexität der Lebensrealität. Die (Bedeutung einer) Diagnose kann sich im Laufe der Zeit verändern, wenn neue Erfahrungen gemacht oder Lebensumstände sich ändern. Sie bietet Orientierung, sollte aber nicht als starres Urteil verstanden werden. In einer therapeutischen Arbeit kann sie als Werkzeug dienen, um Verständnis zu fördern und Handlungsoptionen zu entwickeln, ohne den Menschen auf das Etikett zu reduzieren. Aus systemischer Perspektive wird deutlich, dass eine Diagnose in Beziehungskontexten entsteht und wirkt – in Familie, Beruf oder sozialen Gruppen. Dadurch bleibt sie dynamisch und offen für neue Einsichten, Anpassungen und Entwicklungen. So kann die Diagnose eine hilfreiche Orientierung sein, ohne die individuelle Entwicklung zu blockieren oder festzuschreiben.
Eine wichtige Frage dazu für uns als (angehende) Heilpraktiker*innen Psychotherapie am Schluss: Für wen oder was kann eine Diagnose nützlich/hilfreich sein?
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